Hélène Grémillon – In Zeiten von Liebe und Lüge

[lightgrey_box]Lisandra ist jung und wunderschön, Lisandra ist eine begnadete Tangotänzerin – und Lisandra ist tot. Hat ihr Ehemann, der Psychiater Vittorio, sie aus dem Fenster gestoßen?
Im August ist es Winter in Buenos Aires, Lügen und Verrat bestimmen das Leben der Menschen um Lisandra und Vittorio. Doch Eva Maria, Patientin von Vittorio und heimlich in ihn verliebt, macht sich auf die Suche nach der Wahrheit.[/lightgrey_box]

MareikeDieses Buch erzählt die Geschichte der schönen Lisandra, der leidenschaftlichen Tangotänzerin und ihrem plötzlichen Tod. Wurde sie aus dem Fenster gestoßen oder ist sie gesprungen? Für die Polizei ist sofort klar, dass es ihr Mann Vittorio gewesen sein muss – schließlich sind es fast immer die Ehemänner. Doch er beteuert seine unschuld und seine Patientin Eva Maria glaubt felsenfest an ihren scheinbar perfekten Psychiater. In der ersten Hälfte des Buches folgen wir den wirren und neurotischen Gedanken von Eva Maria, die ihre eigenen Ermittlungen beginnt. Sie sucht nach Beweisen für Vittorios Unschuld, hört seine Sitzungsmitschnitte an, stellt eigene Nachforschungen zu obskuren Theorien an. Schnell scheint sie einen Täter gefunden zu haben, doch die Spuren führen immer wieder zum Ehemann.
Nach und nach enthüllen sich die unterschiedlichen Geschichten der Patienten, verschiedener Liebhaber und schließlich die von Lisandra selbst. Sie alle erzählen auf ihre Weise von Leidenschaft, Einsamkeit und unerfüllter Liebe. Die übersteigerten Erwartungen und die krankhafte Sehnsucht nach Zuwendung und Zärtlichkeit zerstören die Figuren. Jede hat ihr eigenes Kreuz zu tragen und einzig der Psychiater scheint zunächst als Ruhepol in diesem Reigen von gestörten Persönlichkeiten.
Die stark nach innen gerichtete Erzählweise – innere Monologe, Gedankenströme, Fantasien, Erinnerungen – verstärken das Gefühl der Isoliertheit der Figuren. Sie scheinen ganz in ihren eigenen Gedankenwelten gefangen zu sein und nur schwer in die Wirklichkeit durchbrechen zu können. Gleichzeitig bedeutet das eine starke Eingrenzung der Erzählperspektive für den Leser: Was ist hier real? Was ist wirklich passiert und was nur Ausdruck eines Wahns?
Für mich war das stellenweise zu viel Innerlichkeit. Einige innere Monologe zogen sich über viele Seiten und dann hieß es: „Oder halt auch nicht.“ Das nahm der Geschichte etwas an ihrer lyrischen Leichtigkeit und der an Tanz erinnernde Erzählfluss kam für mich ins Stocken.
Ungewöhnlich fand ich die liebevollen Details, die sich besonders in der wechselnden Typographie zeigte: Gewagte Zeilenbrüche, Kapitel in Interviewform, abgedruckte Notenblätter und Schilder. Die optischen Besonderheiten waren überraschend und haben ie besonders bildhafte Sprache perfekt ergänzt.

Fazit: Dieses Buch ist ein Tanz, ein Tango, der unterschiedlichste Seiten von Liebe und Betrug beleuchtet und zeigt, dass Obsession sich in verschiedenen Formen ausdrücken kann. Ein ungewöhnliches, aber auch sehr melancholisches Leseerlebnis mit leichten Längen.
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Hélène Grémillon – In Zeiten von Liebe und Lüge
Verlag: Hoffmann&Campe

Gebunden, 352 Seiten, 20,00€

Eure Mareike

Rezensionsexemplar, vielen Dank.
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1 Kommentar

  • Antworten Evi 12. Januar 2016 um 10:41

    Wow! Deine Rezension liest sich ebenfalls wie ein Tango, liebe Mareike!
    Sie macht definitiv Lust auf das Buch, zumal ich schon „Das geheime Prinzip der Liebe“ richtig gut fand. Allerdings gibt mir der Aspekt mit den inneren Monologen zu denken. Das ist nämlich auch nur bedingt mein Fall. Trotzdem würde ich es gern wagen diesen Roman zu lesen. Allein schon, weil das schöne Cover unbedingt in mein Bücherregal muss :-)

    Liebste Grüße
    Evi

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