Heinz Strunk – Jürgen

Um Heinz Strunk habe ich bisher immer einen großen Bogen gemacht. Seine Bücher tauchten zwar immer am Rande meines Buch-Radars auf, zugegriffen habe ich allerdings nie. Erst mit dem aktuellen Roman „Jürgen“ hat sich das geändert.

Der titelgebende Held des Buches – Jürgen Dose – ist mit seinem Leben durchschnittlich zufrieden. Er hat einen geregelten Tagesablauf, einen Job, versteht sich gut mit seiner Mutter und seinem Kumpel Bernd und hat eine Wohnung in Hamburg. Aber so einfach ist es ja nie. Seine Mutter wohnt in seiner Wohnung und ist pflegebedürftig, was Jürgen zusammen mit einem mobilen Pflegedienst übernimmt. Im Laufe der Zeit hat sich hier eine gewisse Routine eingeschlichen – zum Beispiel, dass er jeden Abend am Bett seiner Mutter Platz nimmt (auf dem Besucherstuhl) und sich mit seiner Mutter unterhält. Sein Job als Pförtner in einer Tiefgarage fordert ihn nicht wirklich, besteht er doch daraus, eine Reihe von Monitoren zu überwachen bzw. anzustarren, und dennoch erfüllt er ihn beflissentlich. Auch die Treffen mit seinem langjährigen Freund Bernd sind von Routine geprägt, zwei bis drei Mal die Woche gehen die beiden abends in ihr Stammlokal „Kamin 21“. Doch Jürgens Glas ist immer halbvoll, er mag sein Leben und sieht immer etwas Positives. Nur an einer Stelle wird auch er unsicher: ihm fehlt eine Partnerin. An der Dating-Front geht relativ wenig und Jürgen ist ein wenig ratlos. Seinem Freund Bernd geht es ähnlich und so beschließen die beiden eines Abends, dass es neben Internetbekanntschaften und Speed-Dating doch noch etwas anderes geben muss. Ihre Erfahrungen dort waren nämlich, freundlich ausgedrückt, eher verheerend. Und so landen die beiden auf einer Reise nach Polen mit der Firma „Eurolove“ mit anderen liebeshungrigen und heiratswütigen Männern. Doch diese Reise läuft ganz anders, als die beiden es geplant hatten.

Heinz Strunk schickt seinen Protagonisten auf die Balz – und das liest sich auf eine tragikomische Art und Weise. Jürgen ist ein solch liebenswerter Charakter, voller Macken und Absonderheiten, bleibt aber stets optimistisch. Er liebt es, sich auf die Geschehnisse seiner Tage vorzubereiten und hängt an seinen lieb gewonnenen Routinen. Auch wenn er in seinem Leben einiges entbehren muss, so möchte er doch nichts missen. Nur die Sache mit der Partnerin macht ihn ziemlich kribbelig. Strunk schickt ihn daher nicht nur auf ein Date, das in allen Einzelheiten wiedergegeben ist, sondern auch zu einer urkomischen Runde Speed-Dating. Doch nichts bringt Jürgen weiter, nicht einmal der Konsum unzähliger Flirt-Ratgeber (für alle Interessierten: hinten im Buch stehen die Quellenangaben). Und dennoch bleibt Jürgen ein fröhlicher Mensch, der im fröhlichen Plauderton aus seinem Leben berichtet. Der Leser begleitet ihn auf Schritt und Tritt und teilt die Gedanken des Protagonisten. Man fiebert mit und hofft, dass er es schafft, sein Leben in eine neue Richtung zu lenken und amüsiert sich zugleich unglaublich über ihn. Und man möchte ihn schütteln und rufen: „Mensch Junge, tu auch mal was für dich und nicht nur für andere“.

Fazit

Heinz Strunk gibt mit Jürgen dem fröhlichen Scheitern ein neues Gesicht. Das Buch ist absolut lesenswert und für Strunk-Einsteiger wie mich bestens geeignet. Unterhaltsam, humorvoll und mit einem tollen Schreibstil ein Buch, das einem den Abend versüßen kann.

Eure Maike


Heinz Strunk – Jürgen
Verlag: Rowohlt
256 Seiten, Hardcover, 19,95 €

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4 Kommentare

  • Antworten Nanni 10. Mai 2017 um 21:59

    Ich habe bisher auch immer einen Bogen um Heinz Strunk gemacht, obwohl ihn mir der Patenonkel meiner Tochter immer wieder empfiehlt. Nun, nach deiner Rezi, bin ich aber doch neugierig geworden und möchte gerne wissen, ob mir der Strunk Humor gefällt.

    Liebe Grüße
    Nanni

  • Antworten Ute 11. Mai 2017 um 16:30

    Danke für Deine Rezension, denn ich schleiche auch schon ein Weilchen um das Buch herum. Aber jetzt werde ich es mir wohl zulegen ;-)
    Liebe Grüße – Ute

  • Antworten schonhalbelf 12. Mai 2017 um 17:23

    Ich habe damals „Fleisch ist mein Gemüse” gelesen und war nicht übermäßig (ehrlich gesagt: gar nicht) begeistert. „Jürgen” klingt aber tatsächlich ganz lesenswert. :)
    Viele Grüße!

  • Antworten Katharina 17. Mai 2017 um 15:37

    Mich hatte der Titel „Fleisch ist mein Gemüse“ tatsächlich auch schon immer abgeschreckt. Fand ich immer doof. Dabei bin ich nicht mal (mehr) Vegetarier. :) Aber nach deiner Rezension denke ich, ich sollte Herrn Strunk eventuell eine Chance geben.
    Gruß von Katharina

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