Harper Lee – Gehe hin, stelle einen Wächter

Dieses Buch ist aktuell in aller Munde: 55 Jahre nach der Veröffentlichung von „Wer die Nachtigall stört“ erscheint ein neuer Roman von Harper Lee. Das Skript zu „Gehe hin, stelle einen Wächter“ galt als verschollen, ist aber von einer Freundin der Autorin wiederentdeckt worden. Interessant ist, dass dieses Buch der eigentliche Erstling Lees ist. Doch nachdem sie den Text eingereicht hatte, befand der Verlag das Thema als zu „heiß“ zur sofortigen Veröffentlichung und bat darum, sich erst einmal einer Vorgeschichte zu widmen. Die Handlung des neu erschienen Romans setzt ca. 20 Jahre nach „Wer die Nachtigall stört“ ein, der Leser trifft hier auf zahlreiche bekannte Figuren.

Jean Louise Finch, die hin und wieder immer noch „Scout“ gerufen wird, ist mittlerweile 26 Jahre alt und lebt in New York. Wenn sie in ihren Ferien nach Maycomb zurück kehrt, ist es nicht mehr die Stadt ihrer Kindheit: ihrer Bruder Jem ist tot, ihr Vater Atticus hat Rheuma, statt der Köchin Calpurnia führt nun seine Schwester Alexandra den Haushalt und mit Gleichaltrigen verbindet sie nichts mehr. Dennoch kehrt sie gerne dorthin zurück, trifft ihren Freund Henry (der sie gerne heiraten würde) und verbringt Zeit mit ihrem Vater, den sie immer noch sehr bewundert. Doch dann findet sie zwischen seinen Zeitungen eine Broschüre Gehe hin, stelle einen Wächterdes Ku-Klux-Klans. Dieses rassistische Pamphlet und seine sie abstoßenden Aussagen passen einfach nicht zu dem Bild, das sie von ihrem Vater hat. Als sie dann auch noch heimlich zu einer Versammlung des Bürgerrats geht und dort Zeugin einer üblen rassistischen Rede wird, der nicht nur Henry, sondern auch ihr Vater Anerkennung zollen, gerät ihr Weltbild massiv ins Wanken. Wie kann ihr Vater, der immer ihr großes Vorbild, das personifizierte Gute und Maßstab der Gerechtigkeit, ein Rassist sein?
Doch Jean Louise wäre nicht sie selbst, wenn sie keine Fragen stellen würde, da ist sie ihrem jüngeren Ich sehr treu. Sie stellt erst Henry und dann ihren Vater zur Rede. Beide Gespräche öffnen ihr auf die ein oder andere Art und Weise die Augen und sie muss sich einer Realität stellen, mit der sie nie gerechnet hatte.

Wer die Berichterstattung zur Veröffentlichung des Buches auch nur am Rande verfolgt hat, weiß, was Harper Lee im Laufe dieses Romans tut. Der strahlende Held aus „Wer die Nachtigall stört“ fällt von seinem Sockel. Das ist etwas, das auch viele Leser erschüttern wird. Ich erinnere mich auch noch, wie sehr ich diesen Mann für seinen scharfen und neutralen Blick und seine sachlichen und relationalen Argumentationen bewundert habe. Und jetzt plötzlich vertritt er die Meinung, dass es Menschen erster und zweiter Klasse gibt. Auch die Art und Weise, wie Atticus in seiner Heldenrolle demontiert wird, hat mich sehr erschrocken. Es fallen Sätze, für die ich keine passenden Worte der Beschreibung finde. Und mit dem Ende ging es mir wie so vielen anderen auch. Es ließ mich ziemlich ratlos zurück. Denn Jean Louise fügt sich der Meinung ihres Vaters.
Ich kann mir gut vorstellen, dass dieses Buch vor „Wer die Nachtigall stört“ verfasst wurde, denn sprachlich reicht es an dieses Werk bei weitem nicht heran. Ich hatte das Gefühl, dass die Autorin sich hier und da im Ton vergreift. Das hat mich beim Lesen immer wieder regelrecht überrumpelt. Dennoch werden gerade dadurch die Unterschiede in den Positionen deutlich hervorgehoben.

Fazit


Das Buch kommt bei Weitem nicht an seinen Vorgänger heran, aber das muss es ja auch nicht. Das Thema Rassismus ist auch heute wieder aktueller denn je und Harper Lee zeigt vor allen Dingen eines: Wie einfach es ist, Ansichten von einer Generation an die nächste weiter zu geben. Am Ende steht ein Buch, dem man anmerkt, dass es vor 60 Jahren verfasst wurde, dass einen aber trotzdem erschüttern kann. Die angekündigte literarische Sensation ist es für mich aber nicht.

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Eure Maike


Harper Lee – Gehe hin, stelle einen Wächter
Verlag: DVA
320 Seiten, Hardcover, 19,99 €

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1 Kommentar

  • Antworten Cora 20. August 2015 um 17:41

    Hallo ihr Lieben,
    ich bin durch Umwege auf eurem Blog gelandet und lass gleich mal ein paar Worte von mir hier ;). Das Buch hat erst gestern in einem kleinen Geburtstagspäckchen von meiner Oma gelegen und ich bin sofort in den Laden gerannt und habe mir „Wer die Nachtigall stört“ dazu gekauft, weil ich unbedingt die beiden Bücher hintereinander lesen möchte (stehen beide nämlich schon laaange auf meiner Leseliste). Ich bin schon sehr gespannt, wie es mir gefällt, da es ja doch sehr unterschiedliche Kritiken bekommen hat.
    Im Ürbigen bin ich erstaunt, wie viele Bücherblogs ich doch in kurzer Zeit im Internet gefunden habe, ich hatte immer das Gefühl, die einzige „Leseratte“ zu sein :D. Euer Blog gefällt mir zwischen der Vielzahl besonders gut :)
    Ganz liebe Grüße :)

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