Guinevere Glasfurd – Worte in meiner Hand

Es gibt in Amsterdam ein Haus, in dem ein englischer Buchhändler im 17. Jahrhundert wohnte. Einer seiner Gäste war niemand geringeres als René Descartes. Dieser französische Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler zog 1629 in die freigeistigeren Niederlande und lebte dort bis zu seinem Tod – 18 Jahre später. Eine seiner ersten Stationen war das Haus des Buchhändlers Thomas Sergeant. Dort lernte Descartes die junge Magd Helena Jans kennen, die ihn in den kommenden Jahren begleiten sollte. Es gibt verschiedene Dokumente, Urkunden, Briefe und Tagebucheinträge, die von Helena und ihrer ungewöhnlichen Beziehung zu Descartes zeugen. Doch es gibt keine genaue Überlieferung, wie eng und welcher Art die Beziehung zwischen Helena und ihrem Dienstherrn genau war. Man kann Mutmaßungen anstellen, Gerüchten glauben oder aber daraus einen bemerkenswert feinfühligen Roman erschaffen.
Guinevere Glasfurd hat sich für letzte Variante entschieden und mit „Worte in meiner Hand“ eine mögliche Deutung der 18 Jahre dauernden Bekanntschaft der weitaus jüngeren niederländischen Magd und dem Begründer des Rationalismus erschaffen.
Glasfurd_Worte_meiner_Hand_Ullstein_coverSie beginnt mit der Ankunft von Helena in Amsterdam und wie stark diese florierende Handelsstadt auf das junge Mädchen vom Dorf gewirkt hat. In einer intensiven und farbenprächtigen Sprache erzählt sie vom Alltags in einer der wichtigsten Handelsmetropolen der frühen Neuzeit. Wie ich es auch von einem Historienroman erwarte, erfährt man nebenbei viel von der Alltagswelt einer Magd, der wichtigsten Handelszweige und über die Bedeutung von Religion und Kunst. All das gelingt Glasfurd mühelos und mit authentischem Ton, in dem sie die junge Magd ihr neues Zuhause neugierig erkunden lässt und später Descartes durch die für ihn fremde Kultur führt.
Sehr ansprechend fand ich die Figurengestaltung – allen voran Helena – die sich langsam und authentisch weiterentwickeln, doch stets ihrer Zeit und ihrem Bildungshorizont treu bleiben. Helena wird facettenreich und mit einer charmanten Neugierde und Erfindungsreichtum gezeichnet, der sie einfach liebenswert macht. Sie bringt sich nach und nach selbst flüssiges Lesen und Schreiben bei, lernt aus den Gesprächen mit Descartes und beginnt selbst die Welt mit anderen Augen zu sehen. Dabei wird sie aber nie rebellisch oder handelt in irgendeiner Weise anachronistisch. Sie ist und bleibt eine einfache Magd. Und genau das macht die Beziehung zu Descartes zu spannend und spannungsreich. Ich rechne es der Autorin hoch an, dass hier Standesgrenzen nicht von einem romantisierten Liebesbild oder einer übergroßen Dramatik überwunden werden. Es sind die leisen Zwischentöne und die engen Grenzen, die im Verborgenen und über Umwege gebrochen werden, die dieses Buch zu einem anspruchsvollen und sehr unterhaltsamen Lesevergnügen machen.
Der ruhige, unaufgeregte und zuweilen etwas ausschweifende Ton sorgt leider dafür, dass ich streckenweise etwas unkonzentriert der Handlung folgte. Hier hätte man durchaus straffen und ganze Episoden raffen können. Nicht immer schließt sich mir der Sinn hinter der Ausführlichkeit, mit der Handlungen und Begegnungen beschrieben werden.
Man muss der Autorin zu Gute halten, dass sie eine sehr genaue Recherche über die Werke und die Arbeitsweisen von René Descartes und anderer wichtiger Denker dieser Zeit geschickt und oft überraschend mit der Alltagswirklichkeit des Dienstpersonals zu verbinden mag. Beobachtungen und Bauernweisheiten, die der pragmatischen Helena ganz selbstverständlich sind, inspirieren Descartes zu allgemeineren Aussagen über die Natur und ihre Funktionsweise. Und umgekehrt hilft der Wissenschaftler der jungen Frau ihre Leidenschaft für Schrift und Wissen zu entdecken und über die eigenen Grenzen hinauszuwachsen. Es ist ein wechselseitiger Austausch und eine Gegenseitigkeit, die auf Respekt und bei beiden vorhandenem Wissensdurst basiert und aus dem langsam mehr erwächst.
Für mich eine plausible und durchaus denkenswerte Version der Beziehung zwischen den beiden Menschen aus so unterschiedlichen Welten.

Fazit


Ein anspruchsvoller und mit Liebe zum Detail recherchierter Roman über die wahre Beziehung zwischen René Descartes und einer niederländischen Magd, der nicht der Versuchung erliegt, diese Beziehung zu romantisieren oder aus heutiger Sicht zu verklären.

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Eure Mareike


Guinevere Glasfurd – Worte in meiner Hand
Verlag: Ullstein
Gebunden, 432 Seiten, 18,00 €

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4 Kommentare

  • Antworten Tobi 7. Oktober 2015 um 21:44

    Liebe Mareike,

    das Buch hört sich sehr interessant an und kommt mal direkt auf meine Wunschliste. René Descartes ist eine der großen Denker, von denen man einfach nur beeindruckt sein kann. Mit der Zirbeldrüse lag er zwar falsch, aber als Rationalist und auch mit seinen mathematischen Entdeckungen hat er sich zur Legende gemacht. Mit dem kartesischen Koordinatensystem ist er sogar fest im Sprachgebrauch der Mathematik verankert. Auch sein starker Einfluss auf Spinoza macht Descartes zu einer spannenden Persönlichkeit.

    Vielen Dank für diesen hervorragenden Buchtipp, über den ich wahrscheinlich nicht so ohne Weiteres gestolpert wäre, denn historische Romane hab ich momentan so gar nicht auf den Schirm.

    Liebe Grüße
    Tobi

    • Antworten Mareike 7. Oktober 2015 um 21:49

      Liebe Tobi,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Nun muss ich mich wohl ein wenig durch das Werk von Descartes googeln ;)

      Ja, bei historischen Romanen muss man schon sehr genau auf die Suche gehen, um mal auf einen wirklich guten zu stoßen – abseits von Klischees und Gefälligkeit.
      Ein solches Buch kann man ruhig mal lobend hervorheben.

      Liebe Grüße
      Mareike

  • Antworten nettebuecherkiste 8. Oktober 2015 um 14:28

    Das klingt sehr gut, kommt auch auf meine Liste!

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