Graham Swift – London und andere Stories

Graham Swift, ein renommierter und bejubelter Autor, veröffentlicht nach etlichen Romanen eine Erzählungssammlung mit dem klangvollen Titel „England und andere Stories“. Dieser Titel in Kombination mit dem eleganten Cover hat mich sofort angesprochen. Das Buch landete mit seinen knapp 300 Seiten sofort auf meinem Nachttisch und ich unterbrach sogar meine aktuelle Lektüre, um direkt eine der Erzählungen zu lesen.
Ich muss gestehen: Dieser Tag liegt nun mehrere Monate zurück und ich bin nie über Seite 130 hinaus gekommen. Da ich mich nicht länger mit dieser Nachttischleiche herumärgern möchte, habe ich beschlossen, das Buch abzubrechen. Heute und hier.
Es ist langweilig. Gott, ist dieses Buch langweilig gewesen. Ja, das ist natürlich ganz subjektiv und mir ist vollkommen klar, dass ich mit überzogenen Erwartungen an diese Sammlung herangegangen bin. Ich habe feinsinnige, kluge, ein wenig augenzwinkernd-britische Erzählungen erwartet, die mich in meiner Liebe für  die Schrullen der Briten und England allgemein schwelgen lassen können.
Leider hat mir dieses Buch nichts davon erfüllt. Ich weiß nicht einmal so recht, was die Verbindung zwischen den Geschichten ist – dass sie in England spielen? Zugegeben: Bei einem britischen Autor jetzt kein so überraschender Faktor. Die Geschichten an sich haben sich nämlich kaum durch einen besonderen Stil oder einen bestimmten gemeinsamen Ton als harmonische Sammlung hervorgetan. Und genau das erwarte ich aber bei einer Erzählungssammlung: Dass die Geschichten durch irgendwas miteinander verbunden sind, und wenn es eine Stimmung oder eine gewisse Haltung des Autors ist.
Sowas konnte ich leider bei den zehn von 25 gelesenen Stories nicht finden. Da reihen sich Erlebnisse um gescheiterte Beziehungen an historische Briefe eines Königsverräters, um Alltagsrassismus und um ein junges Paar, das sein Testament machen will. Eine wilde Mischung, die durchaus aufregend oder überraschend sein könnte. Doch der Stil des Autors schafft es bei keiner der Geschichten mich zu packen. Nach wenigen Augenblicken schweifen meine Gedanken von dem Gelesenen ab und mir will es einfach nicht gelingen, mich länger als eine Erzählung lang auf dieses Buch zu konzentrieren.
Der ruhige, sehr auf Einzelheiten bedachte Stil scheint auf Metaphern aufzubauen, die sich mir nicht erschließen wollen. Ich finde sie schlicht nicht – oder vielleicht erwarte ich einfach zu viel von einer Erzählung. Vielleicht sind es wirklich nur Beobachtungen, Gedankenspiele und Fingerübungen, die Graham Swift zwischen seinen preisgekrönten Romanen ab und an braucht. Vielleicht haben es all diese Ideen und Geschichten nicht in seine eigentlichen Werke geschafft. Denn so fühlte es sich leider oft an: wie Schreibübungen – oder kleine Erzählhappen für Fans des Autors. Dass ich ein solcher jemals werde, nun, das bezweifle ich momentan doch stark.

 

Eure Mareike


Graham Swift – England und andere Stories
Aus dem Englischen von Susanne Höbel
Verlag: DTV
Gebunden, 304 Seiten, 21,90€

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3 Kommentare

  • Antworten Claudia 14. Juli 2016 um 18:35

    Liebe Mareike,
    ich lese die Erzählungen auch gerade. Und habe einen ganz anderen Eindruck als Du ihn hier schilderst. Eigentlich mag ich keine Erzählungen und habe immer große Vorbehalte, wenn ich sie lese. Mir sind Romane viel lieber. Also ist meine Erwartung schon einmal nicht besonders hoch gewesen. Das Cover mag ich auch nicht, denn es verweist mir zu sehr auf die 1950er Jahre – bis jetzt ist in der Zeit aber keine der Stories angesiedelt. So, Erwartungshaltung tendiert also gegen Null – und schwupps, schon haben sie mich eingefangen und richtig am Wickel, die viele Geschichten. Ich mage gerade dieses scheinbar Belanglose, dieses Eintauchen in eine Situation, in der ich schon immer eine Umgebung und die Figuren sehr deutlich vor mir sehe und auch verschiedene Atmosphären erkenne. – Merkwürdig also, mein Eindruck und meine Lesefreude sind ganz anders als Deine. Ich muss vielleicht auch dazu erklären, dass ich das Buch im Urlaub lese ud schon den Eindruck habe, mich ganz anders einzulassen. Es ist wohl gar nicht so unwahrscheinlich, dass ich zu Hause, im ganz normalen Alltag, zu einer ähnlichen Schlussfolgerung gekommen wäre wie Du. Aber hier passt es irgendwie. – So kann es also gehen mit den Wirkungen der Literatur. Ist ja irgendwie auch toll.
    Viele Grüße, Claudia

    • Antworten Mareike 14. Juli 2016 um 18:45

      Liebe Claudia,
      du schilderst ja selbst das scheinbar Belanglose. Mir ist aber die tiefergehende Ebene einfach nicht klar geworden. Es bleibt für mich vollkommen belanglos. Und das ärgert mich einfach. Als Fan von Erzählungen habe ich aber natürlich auch gewisse Erwartungen.
      Und es ist sicherlich nicht verwerflich, dass dieser spezielle Stil von Swift dem einen gelegen ist und dem anderen nicht.
      Mein Leben ist gerade hektisch und laut. Ich brauche wohl gerade eher Texte, die mich aus dem Alltag rausrütteln können. Belanglosigkeiten – und seien sie auch nur scheinbar – machen mich gerade nur nervöser ;)
      Liebe Grüße und vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar
      Mareike

  • Antworten [Die Sonntagsleserin] Juli 2016 | Phantásienreisen 31. Juli 2016 um 08:01

    […] von Herzpotenzial ist dagegen von Graham Swifts Kurzgeschichtensammlung „England und andere Stories“ enttäuscht worden, deren Erzählungen sich „wie Schreibübungen – oder kleine […]

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