Eiscreme für alle! Susan J. Gilman – Die Königin der Orchard Street

Ein Mädchen sitzt auf einer Treppe. Sie schaut einem direkt ins Gesicht und ihre braunen Augen beginnen dir eine Geschichte zu erzählen. Du ahnst, dass diese Geschichte in New York spielt, denn du siehst im Hintergrund eine typische New Yorker Straße um die Jahrhundertwende, vielleicht ein wenig später. Doch eigentlich interessiert dich nur dieses Mädchen mit den wissenden braunen Augen.
Die Königin der Orchard StreetSelten habe ich ein Cover gesehen, dass so perfekt die Stimmung der ersten Kapitel einfängt und einen quasi zwingt das Buch aufzuschlagen. In diesem Fall war ich bereits beim Cover der außergewöhnlichen Geschichte von Malka, dem kleinen Mädchen und der Protagonistin des Buches verfallen. Nicht, weil sie eine Heldin ist, das kann man wirklich nicht über sie behaupten. Sie ist auch nicht besonders moralisch oder außergewöhnlich hübsch oder klug. Dieses Mädchen – und auch später als Frau – hat Schneid, Überlebenswillen und Chuzpe. Und all das sieht man bereits in diesen braunen Augen.

[lightgrey_box]New York, 1913. Die kleine Malka lebt mitten im Trubel der dicht gedrängten Straßen und übervölkerten Mietskasernen im Einwandererviertel auf der Lower East Side. Die meisten hier sind arm, haben zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel, leben von der Hand in den Mund. Doch listig und raffiniert, wie sie ist, lernt Malka schnell, sich im Viertel durchzuschlagen. Und genau da, mitten im abenteuerlichen Gemenge, wo die jiddischen und italienischen Rufe der fahrenden Händler durch die Straßen schallen, wendet sich Malkas Schicksal. Denn dort trifft sie Papa Dinello, der sie in das köstlichste Geheimnis der Welt einweiht: das Wunder der Eiscreme, die Verführung der süßen Magie. Für Malka beginnt eine wahre Tour de Force durch das Leben – und aus dem pfiffigen und erfinderischen Mädchen wird die Grand Dame Lillian Dunkle, die »Eiskönigin von Amerika« und berühmt-berüchtigte Herrscherin über ein Eiscreme-Imperium …[/lightgrey_box]

Malka kommt aus einem kleinen russischen Dorf und will mit ihrer Familie nach Südafrika auswandern, doch nach einigen Wochen des Wartens im Hamburger Hafen, vertauscht ihr Vater heimlich die Tickets gegen eine Passage nach Amerika. Und damit beginnt Malkas entbehrungsreiche Kindheit im jüdischen Viertel New Yorks, muss sich mit Schauspielerei und Fälschen selbst ihren Anteil an den Mahlzeiten verdienen – unglücklicherweise darf sie mit ihren sechs Jahren keine Fabrikarbeit annehmen und so sucht sie auf der Straße nach Gelegenheiten ihr vorlautes Mundwerk zum Einsatz zu bringen – für ein paar Pennies versteht sich. Bei einer ihrer Streifzüge überrennt sie das Pferd des italienischen Eismanns Papa Dinello und macht sie zum Krüppel. Ihre Mutter – die ihr nie die Komplizenschaft an dem Tickettausch für Amerika verziehen hat – verstößt sie und der Eismann nimmt sie aus Schuldgefühl bei sich auf.
Malka erweist sich jedoch als zäher als von allen vermutet, sie passt sich in ihr neues Leben an, mit Ehrgeiz und einem Gespür für die Schwachpunkte ihrer neuen Zieheltern wird sie schließlich Teil der erzkatholischen Italo-Familie, nimmt den Namen einer amerikanischen Schauspielerin an und wird als Lilian die kreative Beraterin bei der Eisherstellung.

Malka oder später Lilian ist eindeutig kein Wunderkind. Sie ist nicht besonders hübsch – im Gegenteil! Und durch ihre Gehbehinderung meist eine starke Belastung für die Familie. Sie versteht Zusammenhänge zwar schneller als ihre Ziehbrüder, doch auch für sie ist es harte Arbeit. Nie fliegt ihr etwas zu, doch sie hat Ehrgeiz, ein sehr selbstbewusstes und vorlautes Mundwerk und einfach Schneit. Schon sehr früh versteht sie, die Bedürfnisse der Kunden vorauszuahnen, mit Gespür für Trends, Geschmäcker und scharfem Geschäftssinn macht sie sich unentbehrlich. Sie fühlt sich in ihrer Ziehfamilie nie vollkommen sicher, deshalb versucht sie sich durch ihre kreativen Eiskreationen abzusichern.
Neben diesem sehr ausholenden Erzählstrang über die Kindheit und Jugend von Lilian, gibt es noch eine weitere, die in der Gegenwart spielt. Lilian ist inzwischen eine enorm reiche alte Lady und gilt als die Eiskönigin Amerikas, doch stehen ihr einige Gerichtsverfahren bevor, sie trinkt zu viel und ist mit ihrer Familie zerstritten. Aus dieser Perspektive heraus blickt sie auf ihre Anfänge und bereitet sich gleichzeitig auf den Besuch bei Gericht vor – indem sie mit ihrem Lieblingsenkel einen Joint raucht.

Für mich ist der besondere Reiz an diesem Buch der sehr außergewöhnliche Erzählstil aus der Perspektive von Lilian/Malka. Fast jeder Satz ist gefärbt von ihrem speziellen Sprachstil. Sie benutzt sehr viel Phrasen wie „Kindele“, „So war das damals“ oder „verklagt mich doch“, die gemischt mit diversen jiddischen und italienischen Ausrufen zu einer sehr ausdrucksstarken und manchmal recht schmutzigen Sprechweise vermengen. Mit jedem Satz spürt man quasi die exzentrische Alte mit Zigarette in den manikürten faltigen Fingern hinter den Zeilen lebendig werden. Ich kann verstehen, wenn einen der Stil zu viel, zu mündlich ist. Wenn man die Protagonistin deshalb nicht sympathisch findet. Doch für mich muss eine Figur kein strahlender Held, keine moralisch einwandfreie Figur sein, um ihr stundenlang in die schmutzigen Straßen New Yorks der Zwanziger Jahre folgen zu wollen. Ich empfehle eindeutig einen Blick in die Leseprobe zu werfen (Der erste Satz ist grandios!) und für sich selbst zu schauen, ob einem der Stil zusagt.

Fazit:


 Diese Einwanderergeschichte wird zum American Dream mit Nebenwirkungen. Die liebenswerte und doch auch ziemlich skupellose Protagonistin nimmt einen mit auf einem Trip durch das Zwanzigste Jahrhundert. Man muss den Stil mögen, um sich auf diese teilweise recht ausschweifenden Erzählungen einlassen zu können und an manchen Stellen hätte ich mir ein wenig Kürzung gewünscht. Doch insgesamt war dieses Buch ein Erlebnis, ein Rausch wie ein reich verzierter Eisbecher mit süßen und sauren Sorten, herber Bitterschokolade und völlig überraschenden Nuancen als Topping. 

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz leer
Eure Mareike


Susan Jane Gilman – Die Königin der Orchard Street
Verlag: Suhrkamp
Gebunden, 600 Seiten, 19,95€

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6 Kommentare

  • Antworten Lotta 13. März 2015 um 22:17

    Huch Huch Huch.
    Hier siehts ja auf einmal so anders aus! o: Seit wann ist das denn so? Aber noch nicht lange oder? Ich bin vollkommen irritiert. :D
    Aber es ist schön anders. Gut anders. Nur eben anders. Jetzt muss ich mich erstmal genauer umgucken. :D
    Sorry, dass ich jetzt gar nichts zu dem Post gesagt habe. <3

    Liebst, Lotta

    • Antworten Mareike 13. März 2015 um 22:22

      Haha, liebe Lotta,
      kein Wunder, du bist ja auch wild in Leipzig unterwegs. :D
      Das Design ist seit gestern neu. Ich hoffe, es gefällt dir :)
      Liebste Grüße
      Mareike

  • Antworten Anna 14. März 2015 um 18:31

    Hallo Mareike! Danke fur die interessante Rezension! Ich finde, dass Du den Stil des Buchs ganz gut gefuhlt und das wichtigste in Rezension beschrieben hast. Ich wurde sagen, dass das Buch spannend ist, weil es von der Perspektive der Eiskonigen geschrieben ist. Jeder Beruf hat auswirkungen auf Menschen…“Wahrscheinlich mogen auch Yogas Eis“ ist auch einen schonen Satz…Und die Verlinkung auf der Leseprobe finde ich gut. Wie auch Eures neues Website-Design.

  • Antworten Klappentexterin 22. März 2015 um 09:20

    Liebe Mareike,

    ich freue mich, dieses schöne Buch bei dir wiederzufinden! Ich habe es im Zuge der Vorbereitung auf den Lesefrühling seinerzeit begonnen und auf den Stapel der Bücher gelegt, die ich weiterlesen möchte. Es stimmt schon, der Stil ist recht eigen, aber zwischen den Zeilen steckt so viel Herzenswärme, davon kann ich einfach nie genug bekommen. ;-)

    Sonnige Sonntagsgrüße aus Berlin

    Klappentexterin

  • Antworten Diese 10 Bücher dürft ihr im Frühjahr 2016 nicht verpassen (Mareikes Edition) - Herzpotenzial 29. Januar 2016 um 18:30

    […] und musste schon bei dem Klappentext schmunzeln. Außerdem hat der Insel Verlag schon mehrfach mit ungewöhnlichen Figuren aus New York begeistern […]

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