[Rezension] Gertrud Leutenegger – Panischer Frühling

[lightgrey_box]Ein Vulkanausbruch auf Island legt den europäischen Luftverkehr lahm, Zehntausende Menschen stranden an den Flughäfen. Während die Bilder der Aschewolke um die Welt gehen, steht über der Themse ein strahlend blauer Frühlingshimmel. Die Stadt wirkt wie abgeschnitten vom Rest der Welt. Auf der London Bridge begegnet die Erzählerin einem jungen Mann mit einem Feuermal im Gesicht. Jonathan verkauft die Obdachlosenzeitung. Er ist von der Südküste hierher geflüchtet, wo das Meer sich nimmt, was ihm nicht zusteht. Die beiden sind einander eigenartig vertraut. Sie teilen Verletzungen – den frühen Verlust des Vaters – und Hoffnungen, und allmählich, mit jedem Treffen ein wenig mehr, gehen die vergessenen Geheimnisse des einen in den anderen über. Dann aber verschwindet Jonathan ebenso plötzlich, wie sie einander begegnet sind, die Flugzeuge kehren zurück. Als der Frühling sich seinem Ende nähert, macht die Erzählerin sich auf die Suche, nach Jonathan, nach sich selbst.[/lightgrey_box]

 

Panischer Frühling

Gertrud Leutenegger hat ihren ersten Roman 1975 veröffentlicht, eine literarisch durchaus anerkannte Autorin, die mir jedoch bis vor kurzem völlig unbekannt war. Erst durch die Nominierung für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2014 bin ich auf die Autorin und ihren aktuellen Roman „Panischer Frühling“ aufmerksam geworden. Und nach einigem Suchen wurde mir auch klar, warum ich noch nie von ihr gehört hatte. Die Autorin lässt sich durchaus als „still“ bezeichnen. In der Öffentlichkeit tritt sie nur selten als Autorin auf, nämlich in Lesungen und manchmal in Interviews. Ansonsten scheint sie sich gern zurück zu ziehen, so hat sie zum Beispiel immer noch kein Mail-Postfach. Und damit sind wir auch schon direkt bei ihrem Roman, in dem sie diese Entschleunigung und Stille als Einleitung nutzt. Denn als im April 2010 auf Island ein Vulkan ausbricht, dessen Aschwolke den gesamten Flugverkehr lahmlegt, wird die Welt ein wenig ruhiger und scheint sich zu verändern. Leuteneggers namenlose Ich-Erzählerin ist zu diesem Zeitpunkt in London. Im Luftraum über ihr herrscht plötzlich unglaubliche Stille und sie beginnt ihre Umgebung viel intensiver und schärfer wahrzunehmen. In dieser Situation begegnet sie auf der London-Bridge Jonathan, einem Verkäufer von Obdachlosen-Zeitschriften, dessen Profil sie magisch anzieht. Erst als er sich ihr zuwendet bemerkt sie, dass seine andere Gesichtshälfte von einem riesigen Feuermal entstellt ist. Die beiden kommen ist Gespräch und ab diesem Zeitpunkt lässt sich die Ich-Erzählerin nicht mehr scheinbar ziellos durch London treiben, sondern es zieht sie immer wieder zu Jonathans Stammplatz. Und auch Jonathan wartet auf die ihm unbekannte Frau, bittet sie immer wieder, ihn wieder zu besuchen. Die beiden beginnen sich Geschichten aus ihrer Kindheit zu erzählen und entdecken dabei immer wieder Gemeinsamkeiten. Nach und nach kramen sie Erinnerungen und Geschichten hervor, die sie eigentlich längst vergessen glaubten. Und es scheint, als wäre das Erinnern zwingend an den jeweils anderen geknüpft. Denn als Jonathan am Ende des Frühlings verschwindet und ihre Erinnerungen wieder verblassen, begibt sich die Ich-Erzählerin auf die Suche nach ihm. Dieser quasi-romantische Zug der Erzählung hat mich besonders berührt: Es wird nie ein Wort über die Art der Beziehung der beiden verloren und doch wird sie spätestens an dieser Stelle sehr deutlich. Dieses Aufkeimen einer innigen Freundschaft zweier Unbekannter, die immer mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede entdecken, ist einfach wahnsinnig schön beschrieben.

Ein tragendes Element des Romans ist die Themse. So wird die Ich-Erzählerin magisch vom Fluss angezogen und trifft sich dort auch immer mit Jonathan. Außerdem sind alle Kapitel mit dem jeweils aktuellen Wasserstand der Themse angegeben. Aber auch in der Art, wie Leutenegger erzählt, findet sich der Fluss. Die Themse ist beileibe kein ruhiger und „bezwungener“ Strom, sie ist gezeitenabhängig und voller unberechenbarer Strudel. Der Autorin ist es gelungen, diese Eigenarten in ihren Erzählstil einfließen zu lassen. Der Übergang von Realität zu spontaner Erinnerung ist fließend und trifft einem beim Lesen durchaus unerwartet. Dennoch fließt die Erzählung unglaublich gleichmäßig und ruhig dahin, der Leser kann immer die Kontrolle behalten und wird nicht einfach weggerissen. Die Autorin lässt es nie zu, dass übertriebene Hektik einen beim Lesen aus dem Konzept bringt, sondern hält diszipliniert das begonnene Erzähltempo bis zum Ende durch. Dadurch fiel es mir sehr schwer, das Buch zwischendurch aus der Hand zu legen, denn das gleichbleibende Tempo hatte auf mich eine regelrecht fesselnde Wirkung.
Das wird auch von der Leichtigkeit der Sprache und der Sätze verstärkt. Die Wörter wirken wie natürlich zu Sätzen aufgereiht, als würde man zusammen mit der Ich-Erzählerin durch London streifen und all ihre Gedanken verfolgen. Nichts wirkt überarbeitet oder gekünstelt, sondern als hätte die Autorin ein mündliches Protokoll der Geschehnisse niedergeschrieben.

Fazit: Eindeutig ein Buch, auf das ich ohne die Longlist niemals aufmerksam geworden wäre. Aber was wäre mir da für ein Schätzchen entgangen! Gertrud Leutenegger berichtet auf unnachahmliche Art und Weise von der Kraft aber auch vom Wert der Erinnerungen. Dabei geht sie mit einer wundervollen Leichtigkeit vor, dass das Lesen eine wahre Freude ist. Und auch wenn ich die Autorin als eher „still“ bezeichnet habe, ihr aktueller Roman ist es nicht. Er ist voller Erinnerungen und Gefühle, die sich mal leise und mal laut einen Weg zurück in die Köpfe bahnen. Ich bin immer noch ganz verliebt in den Roman und konnte nach dem Zuklappen erst mal einen Tag kein neues Buch in die Hand nehmen – so sehr war ich gefesselt und wollte dieses Gefühl nicht hergeben.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefüllt

Gertrud Leutenegger – Panischer Frühling
Verlag: Suhrkamp
218 Seiten, Hardcover, 19,95 €
Leseprobe

Eure Maike

Rezensionsexemplar – vielen Dank.

Vorherige Beiträge Nächste Beiträge

Vielleicht gefällt dir auch

2 Kommentare

  • Antworten literaturen 9. September 2014 um 09:17

    Mich interessiert es auch schon, seit ich es ausgestellt auf der Leipziger Messe gesehen habe. Danke für diesen Einblick! :)

    • Antworten Maike 10. September 2014 um 20:38

      Wie gesagt, es ist absolut empfehlenswert! Und ich würde mein Exemplar sogar verleihen ;-)

    Kommentar verfassen

    %d Bloggern gefällt das: