Französische Badass-Schriftstellerinnen | #littripFR17 – Eine Reise nach Frankreich

Die Frankfurter Buchmesse hat in jedem Jahr ein Gastland, dessen literarische und kulturelle Vielfalt näher vorgestellt wird. Meist kündigen sich schon mit den Verlagsvorschauen zum Herbstprogramm einige Titel an, die aus dem jeweiligen Gastland kommen und auf der Buchmesse im Fokus stehen sollen. 
In diesem Jahr ist Frankreich zu Gast. Das ist uns beiden eine besondere Freude, denn Frankreich hat einige ganz besondere Autoren und Autorinnen hervorgebracht, die wir sehr lieben. Außerdem war es Paris, das der amerikanischen Boheme ein paradiesisches Exil bot, als Amerika die Prohibition für eine gute Idee hielt. Was wären Hemingway, die Fitzgeralds oder Joyce ohne den freien Künstlergeist (und die zahlreichen Cafés und Bars) Montmartres gewesen? 

Frankreich hat aber gerade im letzten Jahrhundert auch selbst etliche ausgezeichnete Schriftsteller und Schriftstellerinnen hervorgebracht: Jean-Paul Sartre, Samuel Beckett, Albert Camus… wie gehabt. Die Männer haben wohl genug Aufmerksamkeit bekommen. Doch wie sieht es mit den Frauen aus? Wann wurden die großartigen französischen Badass-Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts zuletzt gefeiert? 
Wir finden, es ist an der Zeit! Und deshalb stellen wir euch heute ein paar der wichtigsten Schriftstellerinnen der französischen Moderne vor, die Pionierinnen auf dem ein oder anderen Gebiet waren.

Colette

Oder auch Sidonie-Gabrielle Claudine Colette 1873 geboren, war ihrer Zeit gewaltig voraus. Als sie 16-jährig ihren fast doppelt so alten Mann heiratete, erkannte dieser schnell ihr Schreibtalent und nutzte dieses aus, indem er sie unter männlichem Pseudonym veröffentliche und alle Rechte an ihren Werken behielt. Natürlich war er auch noch notorisch untreu – sie ließ sich scheiden – ein Skandal! Nach ihrer Scheidung zog sie als Varietékünstlerin durch Frankreich (noch größerer Skandal!) und hatte ziemlich großen Erfolg damit. Noch erfolgreicher waren dann aber ihre autobiografischen Romane über ihr amouröses Leben. Weltruhm erlangte sie mit ihrem Musical „Gigi“, das es sogar an den Broadway schaffte und dort bis heute immer wieder aufgeführt wird. Ihr zweitgrößter Erfolg ist wohl ihr Roman „Cheri“ über eine alternde Diva und ihren jungen, fast noch kindlichen Liebhaber. Hier solltet ihr unbedingt auch die Verfilmung mit Michelle Pfeiffer und Rupert Friend schauen. Unser Lieblingsbuch der Autorin ist aber „Eifersucht“ – hier steht eine junge Ehe fast vor dem Aus, weil sie seine Liebe zu seiner Katze nicht erträgt. Bitterböse und voller zynischem Humor geschrieben. 

Simone de Beauvoir 

Was wäre der Feminismus ohne Simone de Beauvoir? Die Schriftstellerin und Philosophin gilt bis heute als eine der wichtigsten Intellektuellen Frankreichs und Ursprung des Modernen Feminismus. Ihr Werk „Das andere Geschlecht“ ist bis heute eines der meistgelesenen feministischen Werke – und dabei ist es bereits 1949 erschienen. Hier vertritt sie die These, dass die Unterdrückung der Frau gesellschaftlich bedingt sei: „Man ist nicht als Frau geboren, man wird es“ – womit sie an den Grundfesten der christlichen Gesellschaft und eigentlich jeder patriarchalen Gesellschaft rüttelte. Doch auch ihre Romane sind mehr als interessant und lesenswert. Stark von Hemingway und dem Existenzialismus beeinflusst, sind ihre Romane dicht und sehr unmittelbar. 

Francoise Sagan

Die 18-jährige Francoise Sagan löste direkt mit ihrem Debüt „Bonjour Tristesse“ Skandal aus. Die Geschichte traf die sehr konservativen 1950er direkt ins Mark. Die Geschichte mutete ihnen aber auch viel zu: Ein abgeschiedenes Sommerhaus, der Vater mit zwei Affären, die 17-jährige Tochter verführt ebenfalls einen älteren Mann, es wird ziemlich viel getrunken und gefeiert und am Schluss kommt noch Selbstmord ins Spiel. Das Buch wurde direkt ein Bestseller und sie über Nacht berühmt – aber auch berüchtigt. Doch die Kritik hielt Sagan natürlich nicht davon ab weiter sehr freizügige Romane und Stücke zu schreiben. Aber auch Privat lies sie es krachen: Sie liebte Alkohol, Drogen, Parties und schnelle Autos. Und mit den Gesetzen (Steuern!) nahm sie es auch nicht allzu genau. 

Marguerite Duras

1914 in Vietnam als Kind eines franz. Lehrerpaares geboren, ging sie in ihrer Jugend nach Frankreich und schloss sich dort einer Résistancegruppe von Buchhändlern an – rebellische Buchhändler!! Nach dem Krieg schloss sie sich der kommunistischen Partei an und widmet sich ihr Leben lang in ihren Werken den Arbeitern- und Frauenschicksalen. Ihr wohl bekanntester Roman „Der Liebhaber“ verarbeitet ihre Zeit in Vietnam, den Wechsel in die französische Kultur und auch den zweiten Weltkrieg. Fragmentarisch und ohne feste Struktur bildet nur die Affäre zu einem wesentlich älteren Chinesen eine thematische Klammer um die Ereignisse. Aber auch als Drehbuchautorin und Regisseurin hat sie einige großartige Werke (Hiroshima, mon Amour) erschaffen – während sie ihre vier Kinder allein großzog. 

Irène Némirovsky

Geboren in Kiew, floh Irène mit ihrer Familie vor der Revolution 1917 nach Paris. Dort wurde sie Teil der lebhaften Literaturszene  und etablierte sich mit ihren Werken schon bald zu einem echten Star. In vielen ihrer Bücher thematisiert sie das Leben bürgerlicher Familien und hält ihnen den Spiegel vor. Sie zeigt, dass das Bürgertum, dass diese Menschen so hegen und pflegen, dem Untergang geweiht ist. Geradezu skandalös, denn sie zeigt auch, wie feige die feinen Leute die Zeichen des Wandels ignorieren und lieber die Augen schließen als sich der Gewalt, die der Ausbruch des ersten Weltkriegs bringt, zu stellen. Offen, schonungslos, geradeaus – das sind die Worte, die wir gerne benutzen, wenn wir über ihre Bücher schreiben. Sie selbst wurde nach Auschwitz verschleppt und starb dort 1942. 

Silvia Beach

Sylvia Beach? Ja genau, Sylvia Beach! Ohne diese großartige Buchhändlerin in Paris, wäre uns einiges entgangen. Ihr Laden „Shakespeare and Company“ war eine Institution und Lesern und Gelesenen. Die Romane der Lost Generation tauchten früher oder später alle in ihrem Auslagen auf. Sie pushte die Menschen, die sie für talentiert hielt, bis zum Umfallen. Bestes Beispiel ist wohl James Joyce. Als er seinen Ulysses nicht verlegt bekam, nahm Sylvia die Sache selbst in die Hand und verlegte des Roman auf eigene Kosten. Nicht nur finanziell, sondern auch nervlich eine echte Herausforderung. Eine Unternehmerin und Kulturförderin, ohne die es viele wichtige Werke heute nicht geben würde. 

Dieser Artikel entstand im Rahmen der #littripFR17-Aktion von Kielfeder und El Tragalibros.
Morgen findet dazu außerdem eine Lesenacht statt. Seid ihr dabei?

Hier habt ihr alle Aktionen und Teilnehmer auf einen Blick:

18.9. Ankündigung der Aktion mit einem Eröffnungsbeitrag bei Ramona & Ramona

19.9. Französische Literatur (Saskia: Who is Kafka?)

20.9. Französische Zwiebelsuppe (Daniela & Heiko: Teekesselchen)

21.9. Charme, Erotik, Provokation: ein Blick auf Bücher aus Frankreich (Dagmar: Geschichtenagentin)

22.9. Französische Badass-Schriftstellerinnen (Maike & Mareike: Herzpotenzial)


23.9. Lesenacht ab 19 Uhr (mit Gewinnspielen) auf Twitter, Instagram & Co mit dem Hashtag #littripFR17


24.9. Brioche-Konfekt zum Frühstück (Katharina: Katha kocht)

25.9. Kürbis-Flammkuchen (Susanne: Mein kleiner Foodblog)

26.9. Verlagsinterview Suhrkamp (bei El Tragalibros)

27.9. Verlagsinterview (Ramona: Kielfeder)

28.9. Pissaladière Rezept (Sonja: Madame Cuisine)

29.9. Femmes en bandes dessinées – Frauen in Comics (Sandra: Booknapping)

30.9. Abschlussbeiträge bei Ramona & Ramona

 

Vielen Dank, dass wir dabei sein dürfen. Kennt ihr weitere tolle Schriftstellerinnen aus Frankreich? Erzählt es uns in den Kommentaren! 
Eure Maike und Mareike

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7 Kommentare

  • Antworten the lost art of keeping secrets 22. September 2017 um 12:05

    Ich habe vor kurzem Sophie Divry entdeckt. Ihr Roman Als der Teufel aus dem Badezimmer kam ist echt großartig.
    Ich werde mir demnächst mal Sagan angucken. Nemirovsky finde ich auch super! Oh je, zu viele tolle Schriftstellerinnen deren Bücher ich lesen möchte. ;)
    Liebe Grüße,
    Eva

    • Antworten Mareike 22. September 2017 um 12:41

      Von Sophie Divry habe ich auch schon gehört, aber noch nichts gelesen. Das hole ich bald mal nach. Danke :)
      Mareike

  • Antworten Eine Reise nach Frankreich - Das Gastland der Frankfurter Buchmesse 2017 | Kielfeder 22. September 2017 um 18:23

    […] 20.09. Daniela und Heiko: Teekesselchen 21.09. Dagmar: Geschichtenagentin 22.09. Maike und Mareike: Herzpotenzial 23.09. Lesenacht: bei Twitter 24.09. Katha: Katha kocht 25.09. Susanne: Mein kleiner Foodblog […]

  • Antworten Ramona | El Tragalibros 22. September 2017 um 19:41

    Danke für diesen tollen Beitrag! Ich hab mir ja schon im Februar bei der LovelyBooks-Aktion „Buchblogger empfehlen“ bei euch „Chéri“ als Buchtipp abgeschaut und bestellt. Vielleicht sollte ich es endlich mal lesen (Achtung, Lesenacht morgen Abend – jetzt hab ich schon 2 Bücher xD).

    Simone de Beauvoir ist für mich eine ganz beeindruckende Persönlichkeit. Bisher habe ich noch nicht allzu viel von ihr gelesen (sondern meist von Sartre, weil ich ein heimlicher Sartre-Fan bin). Aber auch von ihr tummeln sich in meinem Bücherregal noch Bücher, wenn ich es richtig in Erinnerung behalten habe – ich muss sie nur mal raussuchen.

    Euer Artikel hat mir aber auch wieder richtig Lust gemacht, mal wieder ganz „thematisch“ zu denken und Bücher unter einem ganz bestimmten Fokus/Oberthema zu lesen. Das hab ich schon lange nicht mehr gemacht! Vielleicht werden es Badass-Schriftstellerinnen. (-:

    Liebe Grüße, Ramona

  • Antworten Marina 23. September 2017 um 19:08

    Mein schlechtes Gewissen rührt sich. Denn von Beauvoir hab ich noch mehrere Bücher hier ungelesen stehen, obwohl ich die alle unbedingt mal lesen wollte. Genauso wie „Cheri“ und „Bonjour Tristesse“, die ich aber noch nicht einmal besitze. Ich seh schon einen Buchkauf auf mich zukommen …

  • Antworten Als der Teufel aus dem Badezimmer kam – the lost art of keeping secrets 29. September 2017 um 13:09

    […] Vielleicht wegen den träumenden Nudelessern, ich weiß es nicht. Vor Kurzem hat Mareike über französische Badass-Schriftstellerinnen geschrieben, Sophie Divry gehört auf jeden Fall […]

  • Antworten El Tragalibros - der Bücherwurm: Blog über Literatur 30. September 2017 um 08:53

    […] Französische Badass-Schrifstellerinnen […]

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