Karen Joy Fowler – Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke

Dieses Buch handelt von Rosemary Cooke und wie sie zunächst ihre Schwester und dadurch dann auch ihren Bruder verlor. Nein, es ist kein Krimi und auch kein Schicksalsroman im üblichen Sinne, doch um das zu begreifen, um muss man ein wenig weiter ausholen und das will Rosemary, die die Geschichte aus ihrer Sicht erzählt, zunächst nicht. Sie war als Kind eine unheimliche Plapperliese und deshalb haben ihr ihre Eltern einige Regeln auferlegt: Von drei Dingen, die ihr einfallen, sollte sie immer nur eine, nämlich die beste der drei Sachen erzählen. Außerdem sollte sie sich kurz halten und deshalb direkt in der Mitte der Erzählung beginnen. Diese beiden Regeln hat sie auch als erwachsene Frau verinnerlicht und wendet sie nun auch auf diese Geschichte an – außerdem ist sie schon längst keine Plapperliese mehr….
Sie beginnt ihre eigene Geschichte also in der Mitte, in den 90ern, als sie zum College geht und in einen Streit eines Pärchens in der Kantine gerät. Die junge Frau, die ihren Partner beschimpft, beginnt mit Geschirr und Stühlen zu werfen, sodass schließlich die Polizei gerufen wird. Aus irgendeinem Grund hält man Rosemary für nicht ganz unschuldig an der Kantinenverwüstung und so landet sie ebenfalls in einer Zelle. Damit ist der Grundstein für eine ungewöhnliche Freundschaft gelegt. Zum ersten Mal in Rosemarys Leben hat sie eine Freundin und sie spürt, wie diese emotionale Nähe tief vergrabene und verdrängte Erinnerungen aus ihrer frühsten Kindheit an die Oberfläche spülen.
Die Erinnerungen an ihre frühe Kindheit in den 70ern und frühen 80ern werden nicht in chronologischer Reihenfolge erzählt, sondern wie sie bei Rosemary ausgelöst werden: Mal ist es eine Anekdote an ihren rebellischen Teenager-Bruder, mal eine frühe Erinnerung aus ihren ersten Lebensjahren. Doch alle Ereignisse scheinen sich nur um ein traumatisches Ereignis herum zu drehen und durch es bestimmt zu werden: Das Verschwinden von ihrer Schwester Fern. Es gibt also Ereignisse MIT Fern und dann gibt es die düstere Zeit OHNE Fern. 

Durch die sehr unzuverlässige Ich-Erzählerin wird man mehr als einmal hinters Licht geführt. Sie erzählt bruchstückhaft und in geschönten Anekdoten. Erst nach und nach, zögernd und fast schamhaft enthüllt sich die eigentliche Geschichte der Familie Cooke. Zugleich schafft des der Ton der Erzählung einen in den Bann zu ziehen und eine Sogkraft zu entwickeln, dass man Rosemary nur zu gern alles glauben möchte und sich gern von ihr lenken lässt. Rosemary ist zugleich zynisch und schonungslos, wenn es ihre eigene – nicht gerade beeindruckende – Person geht. Der schwarze Humor, mit dem sie nach und nach sich selbst und ihre eigenen Schutzmechanismen aufdeckt, die sie sich über die Jahre angewöhnt hat, um bloß nicht an eines erinnert zu werden: Ihre Schwester Fern und wie tief diese ihre eigene Persönlichkeit geprägt hat. Denn Fern war etwas ganz besonderes und wie ein Abdruck, ein Mahl, hat sie ihre Familie geprägt und bis ins Mark verändert. Gerade deshalb gefällt mir das Cover mit dem Baum so gut, weil es gut diesen Roman widerspiegelt: All die Äste und Verzweigungen stehen für die unterschiedlichen Begebenheiten in der Familie Cooke und all das konnte nur aus dem verborgenen Wurzelwerk erwachsen, das tief in der Vergangenheit ruht. 
Die Wendungen in diesem Buch können einen völlig unerwartet treffen und deshalb möchte ich nicht zu viel über das eigentliche Thema und die Beweggründe der einzelnen Familienmitgliedern erzählen, denn der Überraschungsmoment ist viel zu geschickt konzipiert. Ihr solltet hier einfach darauf vertrauen, dass das Buch umwerfend ist, wenn man sich nicht zu sehr darüber im Vorfeld informiert. 
Ich wusste zwar vorher, worum es geht und was der Überraschungsmoment ist, doch habe ich trotzdem jede einzelne Seite genossen.

Fazit


Ein schöner, spannender Familienroman mit einer ungewöhnlichen Familie und einer gehörigen Portion schwarzem Humor. Allein für diese ungewöhnliche Ich-Erzählerin mit starker Stimme lohnt sich das Buch sehr!

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefüllt

Und wenn ihr mir nicht vertraut, dann vielleicht: Mara von Buzzaldrins Books, Anja von Der Bücherblog,  der Tintenelfe oder vielleicht Dani von Buchbegegnungen? Spätestens Mareike von Bücherwurmloch sollte euch dann aber wirklich überzeugt haben.

Alle vier sind ebenfalls davon überzeugt, dass man dieses Buch unbedingt lesen muss. Außerdem verraten sie auch nicht zu viel über das Buch! Top!

Eure Mareike


Karen Joy Fowler – Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke
Verlag: Manhattan
Gebunden, 352 Seiten, 17,99€

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17 Kommentare

  • Antworten nettebuecherkiste 30. Juni 2015 um 16:41

    Ich höre es gerade, es erinnert mich ein wenig an ein Buch von Kate Atkinson, ich hoffe mal, dass die Auflösung eine andere ist :-)

  • Antworten nettebuecherkiste 30. Juni 2015 um 17:54

    Ok, ich nehme alles zurück. Hab gerade weitergehört und die Ähnlichkeiten haben sich komplett aufgelöst :-D Du weißt wahrscheinlich, warum ;-)

    • Antworten Mareike 1. Juli 2015 um 10:43

      Okay, jetzt machst du mich neugierig! Ich kenne bisher keine Bücher von Kate Atkinson, deshalb kann ich nur raten;)
      Aber die Wendung in diesem Buch ist gut, ne?
      Liebe Grüße
      Mareike

      • Antworten nettebuecherkiste 2. Juli 2015 um 16:52

        Ich meine „Familienalbum“, das ist eines meiner Lieblingsbücher. Aber das mit den Ähnlichkeiten hat sich wie gesagt erledigt, da bleibt nix übrig ;-)
        Ja, die Wendung ist klasse! :-D

  • Antworten Rishu 30. Juni 2015 um 18:44

    Herzlichen Dank für die Verlinkung :) Schön, dass dir das Buch auch gefallen hat!

  • Antworten Tintenelfe 30. Juni 2015 um 22:20

    Was für eine wunderschöne und sehr gelungene Rezension! Ich bin fast ein bisschen neidisch. :-)
    Danke für die Verlinkung!

    • Antworten Mareike 1. Juli 2015 um 10:45

      Ach komm! Ich hab durch deine Rezension erst drüber nachgedacht, wie ich meine am besten aufbaue, um ohne Spoiler zu sein ;)
      Liebste Grüße
      Mareike

      • Antworten Tintenelfe 1. Juli 2015 um 10:52

        Gar nicht so einfach. Noch schwerer fand ich es mündlich beim Bücherstammtisch. Ich rede doch so gern. ;-)

    • Antworten Mareike 7. Juli 2015 um 21:48

      Verzeih mir bitte! Wird direkt eingefügt! ;)

  • Antworten Buchiger Monatsrückblick Juni | Herzpotenzial 1. Juli 2015 um 18:23

    […] zu einem fesselnden Hörerlebnis, dass die 14 Stunden wie im Flug vergangen sind. Dass mich „Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke“ ebenfalls völlig begeistert haben, konntet ihr bereits am Montag nachlesen.  Mit „Die […]

  • Antworten Mariki 9. Juli 2015 um 08:57

    Oh! Nein! Ich meinte damit: Ich hab es auch gelesen und fand es auch grandios!

  • Antworten Rezension: Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke von Karen Joy Fowler 23. Juli 2015 um 18:44

    […] wunderbare Rezension zum Buch gibt’s auch bei Mareike von Herzpotenzial. Außerdem bei Mara von Buzzaldrins Bücher, sie hat mich schlussendlich zum Kauf […]

  • Antworten Ich weiß, was du letzten Sommer gelesen hast | #Lesesommer2015 - Influenza Bookosa 1. November 2015 um 00:03

    […] @Mareike von Herzpotenzial : Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke […]

  • Antworten Tanja 11. November 2015 um 11:53

    Ich bin jetzt erst dank Influenza Bookosas Michael und seinem Eingangsbeitrag zum #Lesesommer2015 auf diese Rezension aufmerksam geworden – und verflixt, jetzt will ich das Buch auch lesen! :)

    LG,
    Tanja

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