Ernest Hemingway – Fiesta

Es gibt Autoren, die lassen einen einfach nicht mehr los. Das liegt meistens daran, weil sie starke Gefühlsregungen in einem auslösen. Für mich ist einer dieser Autoren Ernest Hemingway. Dabei haben wir eine recht ambivalente Beziehung: Mal gelingt es ihm, mich binnen weniger Sätze in einen unreflektierten Teenager zu verwandeln und mal verfluche und verabscheue ich ihn einfach. Aber er lässt mich einfach nicht los und ich freue mich jedes Mal, wenn eines seiner Bücher neu aufgelegt wird.

„Fiesta“ war das erste Buch, das ich von Hemingway in den Fingern hatte. Es war eine abgegriffene Ausgabe aus der Stadtbücherei, ich war vierzehn Jahre alt und habe nicht nur die Hälfte verstanden, sondern auch nur die Hälfte gelesen. Aber diese hatte mich wahnsinnig beeindruckt und auch ein wenig verschreckt. Erst während meines Studiums habe ich wieder zu Büchern von Hemingway gegriffen und mich direkt verliebt. Trotzdem hatte ich ausgerechnet „Fiesta“, diesen ersten großen Roman Hemingways, seitdem nicht mehr angerührt. Ein Re-Read war also mehr als überfällig! Schon allein, damit ich endlich mal bis zum Ende komme.
FiestaDas Buch beginnt im Paris der 1920er Jahre. Die Hauptfigur und Ich-Erzähler Jack Barnes lebt und arbeitet dort als Journalist. Wie auch so viele andere Männer in Paris umschwärmt er die attraktive Lady Brett Ashley, mit dem Unterschied, dass er das Glück hat, in der Gunst der (männertechnisch recht umtriebigen) Dame zu stehen.  Das Leben in Paris besteht zu einem großen Teil aus der Abendgestalung – Cafés, Restaurants, Partys und immer eine schier unendliche Menge Alkohol. Doch dann bricht eine Gruppe Freunde nach Pamplona zur Fiesta auf. Unter der heißen Sonne Spaniens sehen sie sich Stierkämpfe an und feiern weiter.
Eigentlich klingt die Story ziemlich banal und es passiert auch wenig Unerwartetes, aber wie so oft bei Hemingway macht gerade das einen Teil des Spaßes aus. Schon allein diese unglaublichen Saufgelage. Über weite Strecken des Buches sind alle Beteiligten mehr oder weniger angeheitert und ich habe mehr als einmal gedacht, wie man das alles so einfach vertragen kann. Doch gerade in diesen Situationen entstehen wirklich gute Dialoge. So zum Beispiel wenn der Verlobte von Lady Ashley (sie lässt sich gerade scheiden und plant bereits die nächste Hochzeit) auf den jeweils aktuellen Liebhaber seiner Angebeteten trifft, was mehr als einmal passierte. Und dabei geht es immer auch mal etwas heftiger zur Sache. Auch das ist typisch für Hemingway, dieses emotionsgeladene und überbrausende. Der Rausch des Alkohols wird auch zum Rausch der Gefühle. Alles spielt sich im Hier und Jetzt ab, es ist immer der Moment, der zählt. Doch immer wieder dringt die Realität mit ihren Fragen und Sorgen zu den Protagonisten durch und zwingt sie, sich zu stellen und ihr Tun zu reflektieren. Und gerade in diesen philosophischen Parts des Buches liegt die Botschaft, die Hemingway seinen Lesern vermitteln wollte.

Hemingway schrieb über das, was er sah und so ist es nicht verwunderlich, dass „Fiesta“ auch einige Momente aus dessen Biografie enthält. Wer Paula McLains „Madame Hemingway“ gelesen hat, dem wird das auch schon aufgefallen sein. Besonders sie Hauptfigur Jack Barnes teilt sich einige Eigenschaften und Leidenschaften mit ihrem Erschaffer. Und so liegt auch die Vermutung nahe, dass Hemingway auch einige seiner Pariser Freunde und Bekanntschaften in dem Buch porträtiert. Was die davon hielten, darüber kann man sicher spekulieren. Da Hemingway sprachlich aber kein Blatt vor den Mund nimmt, was auch in der Übersetzung mehr als deutlich wird, werden wohl nicht alle durchweg begeistert gewesen sein – zumindest nicht, wenn sie sich erkannt zu haben glaubten.
Und zum Schluss noch ein paar Worte zur Übersetzung. Nach fast 90 Jahren lässt der Rowohlt-Verlag einige Bücher Hemingways neu übersetzen. Es gab schon einige frühere Anläufe, aber Hemingway war strikt dagegen. Zwar galten die Übersetzungen von Annemarie Horschitz-Horst als nicht ganz optimal, doch die Leser störte das nicht und die Bücher verkauften sich hervorragend. Doch jetzt hat Werner Schmitz eine neue Übersetzung vorgelegt. Ich kann die Qualität nicht beurteilen, mir fehlt der direkte Vergleich, aber das Internet ist voll des überschwänglichen Lobes für ihn. Ich kann nur die Lesbarkeit des Buches beurteilen und hier bin auch ich mehr als begeistert.

Fazit


Jeder sollte mindestens einen Hemingway im Schrank haben, das kann ich gar nicht oft genug sagen. Und gerade sein Erstling hat das verdient. Ein Buch, wie eine einzige Party, auch wenn es keine leichte Kost ist. Nur wer mitdenkt, entdeckt die Botschaft, die Hemingway seinen Lesern vermitteln will.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefüllt

Eure (dezent in den Autor vernarrte) Maike


Ernest Hemingway – Fiesta
Verlag: Rowohlt
320 Seiten, Taschenbuch, 9,99 €

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1 Kommentar

  • Antworten Tabea 4. Dezember 2016 um 12:29

    Hey Maike!
    Was für ein toller Text! Vom ersten Satz an einfach nur schön zu lesen.
    Obwohl mich dieses Buch von Hemingway aufgrund des Inhalts nicht gerade brennend interessiert, interessiert mich der Autor schon lange. Das bekannteste Werk steht natürlich auch im Regal. Noch ungelesen. Nach Deinem Text hier muss ich das aber ganz schnell ändern ;)
    Danke für Deine Gedanken!
    LG Tabea

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