Anne Enright – Rosaleens Fest

„Rücksicht auf die Verwandten ist die Wurzel allen weihnachtlichen Unglücks.“
Jane Austen (1775-1817)

Was Jane Austen bereits im 18. Jahrhundert festgestellt hat, gilt auch in Irland im 21. Jahrhundert. Dieses Zitat könnte man diesem ausgezeichneten Familienroman als Motto voranstellen, denn sowohl Rücksichtnahme als auch Weihnachten sind die zentralen Motive, die sich Anne Enright für ihren inzwischen sechsten Roman gewählt hat. 
Enright_Rosaleens_Fest_CoverEin kleines irisches Dorf namens Ardeevin, eine dominante Mutter mit schlicht unerfüllbaren Erwartungen an ihre Kinder und ihr eigenes Leben. Eine Kindheit voller Fehler, Sehnsucht und missverstandener Charaktere. Rosaleens Kinder könnten kaum unterschiedlicher sein. Doch trotzdem schafft es keines, den Ansprüchen der Mutter zu genügen. Jedes Kind geht auf andere Weise mit der Enttäuschung um, nie richtig oder genug sein zu können.
Anne Enright räumt jedem Kind und seinem eigenen Abnabelungsprozess gleich viel Platz ein und doch sind es die Extreme, die mich besonders berührt haben.
Dan, der älteste Sohn verkündet als Teenager, dass er beabsichtigt Priester zu werden. Die Eltern – vornehmlich Rosaleen – sind entsetzt und verletzt. Sie fühlt sich in ihrem Einfluss und ihrem Urteil zurückgesetzt. Keine Sekunde spielen die Befindlichkeiten oder Wünsche von Dan eine Rolle in ihrer Auseinandersetzung mit dem Ältesten. Sie ist überzeugt, dass er diese Entscheidung nur aus Groll gegen sie getroffen hat. Das Überraschende war für mich: Sie lag mit ihrer Einschätzung nicht ganz falsch. Denn Dans Leben wird noch einige Wendungen nehmen und erst als er sich räumlich vollständig von seiner Heimat abwendet, gelingt es ihm, zu sich selbst zu finden.
Auch das mittlere Kind Hannah bricht den Kontakt zu ihrer Mutter vollständig ab. Als sehr sensibles und emotionales Kind nahm sie sich die Kritik der Mutter stets enorm zu Herzen und wächst schließlich zu einer unsicheren nach Selbstbestätigung lechzenden Frau heran. Nicht selten greift sie zur Flasche.
Und auch die anderen beiden Geschwister kämpfen mit ihren eigenen Dämonen und der kühlen Kindheit.  Während die einen an ihren Selbstzweifeln fast zu zerbrechen drohen, versuchen die anderen mit Überkompensation die Mängel der Kindheit (und die vermeintlichen eigenen Fehler) auszugleichen. Ein Gegengewicht zu Rosaleens Lebensentwurf zu finden und zu leben. Doch all das gerät ins Wanken, als die Mutter plötzlich und entgegen ihrer bisherigen Gewohnheit ihre vier Kinder zu Weihnachten zu sich bittet. Sie ist inzwischen über 70, seit vielen Jahren ist ihr Mann tot und sie lebt in dem langsam verfallenden Hof völlig allein.

Rosaleens Fest ist kraftvoll und voller Sprachästhetik. Die sprachliche Tiefe ist teilweise schockierend brutal, doch immer authentisch. Selbst Gedankensprünge und Missverständnisse bindet die Autorin in die Gespräche mit ein, dass man das Gefühl hat, unmittelbar Teil des ungeschönten Gesprächs zu sein. Völlig ohne Romantisierungen oder einem harmonischen Grundton erschafft die Autorin hier ein komplexes Geflecht von Figuren und Lebensmodellen, das sich enorm lebensecht anfühlt. Man spürt den ständigen Konflikt zwischen der verschiedenen Rollen in den Figuren: Jeder ist zugleich Partner, Kind, Erwachsener und Teil eines Geschwisterquartetts. Die Brüder haben untereinander einen anderen Umgang als ihre Schwestern, gegenüber der Mutter verfallen sie wieder in kindliche Verhaltensmuster und die Gespräche mit Partnern oder Kollegen enthalten wieder völlig andere Aspekte.
Man spürt einfach, dass hier eine Meisterin der menschlichen Psyche am Werk ist, die jede ihrer Figuren mit Respekt und Mitgefühl behandelt. Rosaleens Fest ist sicherlich nicht das letzte Buch der Autorin gewesen, das ich gelesen habe.

Fazit:


Für Fans von authentischen und sprachlich hochklassigen Familienromanen ein Muss. Dieses Buch ist übrigens auch das perfekte Gegenmittel gegen eine Überdosis Weihnachtskitsch. Haltet es für den Notfall bereit ;)

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefüllt

Eure Mareike

Weitere Besprechungen findet ihr bei Readpack und Renies Lesetagebuch.



Anne Enright – Rosaleens Fest

Verlag: DVA
Gebunden, 384 Seiten, 19,99 €

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4 Kommentare

  • Antworten Marina Büttner 11. Dezember 2015 um 15:19

    Danke für die Besprechung! Das buch liegt schon hier und wird vermutlich meine Festlektüre!

    • Antworten Mareike 11. Dezember 2015 um 15:23

      Dann kannst du dich auf ein wunderbares Buch freuen. Ich habe es sehr genossen.

      Liebe Grüße
      Mareike

  • Antworten Petzi 13. Dezember 2015 um 14:22

    Ich glaube, ich muss dieses Buch lesen!

    Liebe Grüße
    Petzi

  • Antworten ubuntuvps 17. Mai 2016 um 03:47

    »Das Raffinement des Romans ist von Anne Enrights bisweilen bis zum Sarkasmus reichender Scharfsichtigkeit unterfuttert.«

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