Emanuel Bergmann – Der Trick

Wenn ich an Magie denke, dann taucht vor meinem inneren Auge dieser eine Nachmittag mit meiner Patentante auf. Wir fuhren nach Hannover in einen kleinen Zirkus. Doch das war kein lauter, bunter Zirkus mit Popcorn, erschöpften Löwen und Drehorgelmusik. Nein, hier, in diesem kleinen, oft geflickten, sehr dunklen Zelt wurde das große Staunen vorgeführt. Schon am Eingang spürte ich zum ersten Mal, das dieser Ort magisch war: Eine wunderschöne Tänzerin drückte mir einen großen Stern aus bunten Glitzer auf die Wange und auch im Zeltinneren waren überall Sterne, die im Fackellicht funkelten, etwas so Schönes hatte ich bisher noch nie gesehen. Als die Vorstellung begann, sah man es überall im Zelt auf den Gesichtern der Menschen glitzern und dann trat der Zauberer auf. Danach wusste ich, dass es Magie, diese alte, nicht greifbare Kraft wirklich gibt. Und jeder weitere Zirkusbesuch war danach eine kleine Enttäuschung.


Ganz ähnlich ergeht es den beiden Protagonisten in dem Debüt von Emmanuel Bergmann „Der Trick“.
Diese Geschichte beginnt zum Einen in Prag 1934, als der fünfzehnjährige Mosche Goldenhirsch die Welt des Zirkus kennenlernt, die Magie spürt und beschließt, dass das seine Welt werden soll. Er reißt von Zuhause aus, verlässt seinen lieblosen Vater und seine jüdische Identität für ein Leben in der Gemeinschaft eines Zauberers.
Bergmann_DerTrick_Diogenes_01Gleichzeitig begleitet der Leser den Jungen Max Cohn im heutigen Amerika. Er hat soeben erfahren, dass seine Eltern sich scheiden lassen wollen und für ihn gibt es nur eine Lösung für die Probleme seiner Eltern: Der Zauber der Ewigen Liebe des Großen Zabbatini. Diesen kennt er nur von einer zerkratzten alten Schallplatte, die er in den Umzugskartons seines Vaters findet, doch er hängt sofort all seine Hoffnung an diesen Magier. Für ihn ist klar: Nur Zauberei kann sein Leben jetzt wieder ins Lot bringen.
So erfährt man von diesen beiden ganz unterschiedlichen Jungen. Begleitet Mosche auf seinem Werdegang zum Magier. Seine Lehrzeit unter dem berühmten, aber jähzornigen „Halbmondmann“, wie er sich in dessen wunderschöne Assistentin verliebt und wie sie von Prag in das nationalsozialistische Deutschland ziehen.

Max freundet sich mit einem alten, abgehalfterten und einsamen Zauberer an und langsam beginnt erzu ahnen, dass ein Zauber von großen – leider meist leeren – Gesten lebt. Gleichzeitig lernt Mosche fast 70 Jahre zuvor die großen Gesten und die Illusion, um in einer rauen, judenfeindlichen Umgebung zu überleben. Der Autor verbindet diese beiden Handlungsstränge mit viel Kunstfertigkeit. Er lässt dabei bewusst die Klischees und gängigen Wendungen aus, führt den Leser gekonnt hinters Licht und hebt sich seinen großen Trick ganz bewusst für die letzte Szene auf – ganz wie sein eigenwilliger, raubeiniger und verschlagene Protagonist Zabbatini.

Fazit


Ein Debüt, das es in sich hat – nämlich alles, was einen guten Roman ausmacht: Sympathische, etwas eigenwillige Figuren, ein irrsinniger Plan, historisch mit einem Augenzwinkern verortete Begegnungen, Drama, ein wenig Liebe, das große Ganze und vor allem: Magie.
Was Emanuel Bergmann hier geschaffen hat, ist wahrlich ein kleines Kunststück. Es ist ein Buch, das ganz viele große Themen mit Leichtigkeit, Eleganz und einem lässigen Plauderton in eine spannende, unterhaltsame und fast rührende Geschichte verpackt. Dabei entwickelt dieser Roman mit jeder Seite eine intensivere Sogkraft, dass man sich wundert, dass ein so routiniert wirkender Erzähler nicht bereits dutzende Bücher geschrieben hat.

 

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefüllt

Eure Mareike


Emmanuel Bergmann – Der Trick
Verlag: Diogenes
Gebunden, 400 Seiten, 22,- €

 

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6 Kommentare

  • Antworten Buchstabenträumerin 28. März 2016 um 20:09

    Liebe Mareike,
    das ist eine der schönsten Rezensionen, die ich seit einiger Zeit gelesen habe. Ich lese aus jeder Zeile, wie sehr dir dieses Buch gefallen hat! Ein schöner Einblick, der mich vom Fleck weg überzeugt hat, dass ich das Buch lesen muss. Ich kann es kaum erwarten :-)
    Danke dir und liebe Grüße,
    Anna

    • Antworten Mareike 29. März 2016 um 21:09

      Oh, liebe Anna,
      vielen Dank für deine lieben Worte. Das freut mich total <3

      Liebe Grüße
      Mareike

  • Antworten Catherine 29. März 2016 um 17:21

    Oh, was für eine schöne Rezension, die unheimlich viel Lust aufs Lesen macht! Der Trick liegt bei mir daheim auch schon im Regal bereit. Muss ich wohl ganz bald mal anfangen!

    LG Cat

  • Antworten Verena 29. März 2016 um 20:57

    Ich schließe mich den anderen beiden an: Was für ein wunderschöner (und poetisch geschriebener) Buch-Tipp! Und ich musste direkt lächlen, als ich ihn las, denn als kleines Mädchen war ich völlig fasziniert vom Zirkus und bin sogar so weit gegangen, im Kassenhaus eines gastierenden Zirkuses zu fragen, ob ich nicht als Artistin mitreisen dürfe. Auf jeden Fall macht dein Blogpost große Lust auf das Buch, das total wundervoll klingt :-)!
    Liebe Grüße
    Verena

    • Antworten Mareike 29. März 2016 um 21:12

      Liebe Verena,

      wie ich sehe, kommt du zum Lesen deines Feeds – im Gegensatz zu mir! ;)
      Ich war total unsicher, ob ich wirklich einen so persönlichen Einstieg wählen soll und jetzt kommt er bei euch so gut an und du hast sogar ähnliche Erfahrungen wie ich gemacht. Sehr cool!
      Das war aber damals wirklich mutig von dir – ich hätte mich sowas nicht getraut zu fragen.

      Liebe Grüße
      Mareike

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