Elizabeth Strout – Die Unvollkommenheit der Liebe

Manchmal müssen es einfach dünne Bücher sein. Gerade in stressigen Phasen geben diese einem das Gefühl, immer noch genug Zeit zum Lesen zu haben. So ging es mir, als ich meine Wohnung renoviert habe. Eines Nachmittags habe ich beschlossen, dass ich mal wieder Lesezeit brauche und zu „Die Unvollkommenheit der Liebe“ gegriffen. Abends hatte ich es beendet und war stolz, ein ganzes Buch gelesen zu haben. Und extrem glücklich, dass ich so eine tolle Geschichte gelesen hatte.

Als Lucy Barton nach einer komplizierten Blinddarmoperation im Krankenhaus aus der Narkose erwacht, sitzt ihre Mutter an ihrem Bett. Eigentlich nichts Besonderes – doch Lucy hat ihre Mutter seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Den Kontakt zu ihren Eltern und Geschwistern hat sie einschlafen lassen bzw. den Kontakt abgebrochen. Nach ihrem Auszug und nachdem sie ihren Mann kennengelernt hatte, war ihre Familie ihr fremd geworden und sie fühlte sich dort nicht mehr willkommen. Doch nun tritt ihre Mutter wieder in ihr Leben und zwischen den beiden Frauen entwickelt sich in den folgenden Tagen ein intensives Gespräch.

die-unvollkommenheitDabei geht es nicht nur um das, was in der Zeit passierte, in der sie sich nicht gesehen haben, sondern auch um Lucys Kindheit und ihr Großwerden in einer armen Familie. Die Eltern hatten wenig Zeit oder Verständnis für die Sorgen ihrer Kinder, kämpften sie doch jeden Tag um das Überleben der Familie. Doch für Lucy, die die Jüngste war, war dies die härteste und schlimmste Zeit ihres Lebens. Selten verstand sie die Handlungen ihrer Eltern, die sie oft einfach ohne eine Erklärung allein ließen. Die Erinnerungen an ihre Kindheit waren prägend für sie und festigten vor allem ein Ziel in ihrem Kopf: weg hier! Sie setzte alles daran, um aus dem Teufelskreis der Armut auszubrechen und verfolgt eisern ihr Ziel, Schriftstellerin zu werden.
Und während sie nun im Krankenhaus liegt, mit ihrer Mutter spricht und immer wieder in den Halbschlaf wegdöst, fällt ihr vieles von dem, was ihr passiert ist, wieder ein. Immer wieder ist sie auf Menschen getroffen, die ihr ganz anders gegenüber getreten sind, als sie es von zu Hause kennt. Ihr begegnen Menschen, die ihr Wärme und Zuneigung entgegenbringen, die sie wertschätzen und in ihrem Tun ermutigen. Der Leser sieht, wie langsam aber unaufhaltbar der Prozess der Entfremdung von ihrer Familie einsetzt. Lucy lernt, ohne ihre Familie zurecht zu kommen und sich auf eine eigene, selbst gewählte Familie zu verlassen. Auch wenn diese Menschen häufig nur kurz in ihr Leben treten, sie öffnet ihnen gerne die Tür zu ihrem Leben.

Elizabeth Strout hat eine unglaublich feine Geschichte geschrieben. Ohne Traurigkeit oder Schuldzuschreibung berichtet sie, wie es ist, sich von der eigenen Familie zu entfernen. All das findet hauptsächlich in den Erinnerungen ihrer Hauptprotagonistin Lucy statt. Zwischen Mutter und Tochter steht zu viel Unausgesprochenes, das sie daran hindert, bestimmte Themen anzuschneiden. Doch selbst wenn sie über Belanglosigkeiten sprechen: Strout ist es gelungen, dass sogar diese Worte bei Lucy und beim Leser etwas auslösen. Mich hat das Buch voll und ganz in seinen Bann gezogen. Ich habe es an einem Nachmittag durchgelesen (und das nicht nur, weil es recht dünn ist). Trotz der vielen Emotionen, denen man beim Lesen begegnet, fand ich es nie gefühlsduselig. Dennoch fehlte mir am Ende die Tiefe in der Geschichte, zu viele lose Enden wurden einfach fallen und ich beim Lesen im Unklaren gelassen. Es ist natürlich schön, dass die Autorin genügend Raum lässt, diese Lücken selbst zu füllen, aber irgendwann ist etwas Gewissheit dann doch schön, um nicht nur durch Nebel zu laufen.

Fazit


Lucy Barton berichtet, wie sie wurde, was sie heute ist. Strout zeigt auf, wie auch kleine Ereignisse in unserer Vergangenheit lebenslang auf uns einwirken können. Ein psychologisch ausgearbeiteter wie auch kluger Roman ist das Ergebnis. Einzig die Sammlung unvollendeter Gedanken hat mich am Ende etwas gestört.

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Eure Maike


Elizabeth Strout – Die Unvollkommenheit der Liebe
Verlag: Luchterhand
208 Seiten, gebunden, 18 €

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8 Kommentare

  • Antworten Gérard Otremba 28. September 2016 um 20:22

    Liegt hier im großen Post-Buchpreisblogger-Stapel… Schöne Grüße, Gérard

    • Antworten Maike 2. Oktober 2016 um 10:47

      Lieber Gérard,
      es im SuB zu haben ist der erste Schritt in die richtige Richtung :-)
      Viele Grüße,
      Maike

  • Antworten Buchstabenträumerin 28. September 2016 um 21:17

    Liebe Maike,
    da hast du mir aber ein Buch schmackhaft gemacht :-) Es klingt wirklich toll! Und ich stimme dir vollkommen zu, manchmal muss es auch einfach mal eine kurze Geschichte sein :D
    Liebe Grüße,
    Anna

    • Antworten Maike 2. Oktober 2016 um 10:31

      Liebe Anna,
      Manchmal sind es einfach die kurzen Bücher sein :-)
      Liebe Grüße,
      Maike

  • Antworten Julia 28. September 2016 um 22:13

    Liebe Maike
    Leider kenne ich weder das Buch noch die Autorin, aber das Buch klingt sehr interessant.
    Ich lese manchmal auch sehr gerne kürzere Bücher, eben weil es ein gutes Gefühl gibt wenn man es schnell durchliesz :D
    Viele Grüsse
    Julia

    • Antworten Maike 2. Oktober 2016 um 10:32

      Liebe Julia,
      mir war die Autorin vorher auch nicht bekannt. Mittlerweile habe ich gehört, dass ein anderes Buch von ihr nicht so überzeugend sein soll. Zum Glück habe ich mit dem hier angefangen.
      Viele Grüße,
      Maike

  • Antworten Cora 29. September 2016 um 09:54

    Liebe Maike,
    danke für die schöne Rezension. Ich habe um das Buch bisher einen großen Bogen gemacht und mich auch nicht weiter damit beschäftigt, weil mich der kitschige Titel abgeschreckt hat. Und jetzt muss ich feststellen, dass es gar keine klassische Liebesgeschichte ist :D. Ich lese übrigens gern dünne Bücher, richtig dicke Wälzer schrecken mich irgendwie ab ;)
    Liebe Grüße,
    Cora

    • Antworten Maike 2. Oktober 2016 um 10:37

      Liebe Cora,
      zum Glück ist die Geschichte so gar keine kitschige Liebesgeschichte – dann hätte ich nämlich auch einen großen Bogen um das Buch gemacht.
      Liebe Grüße;
      Maike

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