Elizabeth Harrower – In gewissen Kreisen

Grundsätzlich sind wir beide immer sehr aufgeschlossen gegenüber Wiederentdeckungen. So haben mich zuletzt „Dame zu Fuchs“ oder „Cocktails“ schwer begeistert. Der amerikanische Autor Richard Yates erlebt ebenfalls momentan eine kleine Renaissance und seine klare, kühle Sprache fasziniert mich mit jedem neuübersetzten Werk auf’s Neue.
In diesem Kontext muss man wohl auch „In gewissen Kreisen“ von Elizabeth Harrower lesen. Das Buch der australischen Schriftstellerin ist aus den 70ern und wurde nun neu entdeckt.

Sydney, in den 60er Jahren. Zoes Bruder Russell bringt eine Zufallsbekanntschaft mit in ihr Elternhaus: den geheimnisvollen Stephen Quayle und seine Schwester Anna. So unterschiedlich die Kreise auch sein mögen, aus denen die Geschwisterpaare kommen, von nun an sind die Lebenswege der vier unausweichlich miteinander verbunden. Ein großer Roman von präziser, bildstarker Sprache und psychologischer Genauigkeit, der uns neu über Familie und Liebe, Tyrannei und Freiheit nachdenken lässt.

Russell und Zoe sind ein Geschwisterpaar, dem alle Möglichkeiten offen stehen: Sie stammen aus der Upper Class, sind attraktiv, gebildet und haben durch ihre Eltern gute Verbindungen. Deshalb staunt die Familie nicht schlecht, als Russell sich mit dem Waisen Stephen, einem dürften Handelsvertreter anfreundet und auch dessen Schwester Anna in die Familienkreise einführt. Die vier Menschen – alle in etwa in einem Alter, doch könnten sie nicht unterschiedlicher sein. Anna und Stephen tragen deutliche seelische Wunden aus ihrer schweren Kindheit in einer gestörten Verwandtschaft. Russell hingegen scheint dank seiner stabilen Familie selbst die Kriegstraumata verhältnismäßig schnell hinter sich lassen zu können. Und doch scheint es etwas Verbindendes zwischen diesen vier Menschen zu geben. In den kommenden Jahrzehnten werden sie sich immer wieder begegnen. Es entstehen Beziehungen und tiefe Freundschaften, die auch über Krisen hinweg Bestand haben.
Doch die Klassenunterschiede und der unterschiedliche Bildungshintergrund werden immer wieder Thema und Stolperstein für sie. Es geht um die Frage, wie weit man seine eigenen Lebensvorstellungen dem Kompromiss zuliebe einschränken kann? Wie weit darf eine Beziehung das eigene Leben beeinflussen? Und über allem schwebt der Vorwurf, dass die begüterten Geschwister Russell und Zoe es in ihrem Leben immer zu leicht gehabt haben. Als müssten sie sich für ihre Herkunft schlussendlich schämen.

Ganz ähnlich wie bei Yates besticht Harrowers Werk durch eine kühle, unsentimentale Erzählweise, die sich dicht und intensiv liest. Und doch fühlt man sich stets außen vor. Man beobachtet diese vier Menschen im Laufe ihres Lebens, doch gelingt es einem nicht, mit ihnen warm zu werden. Die Tragik ihrer Geschichten konnten mich nicht richtig packen. Eine Frau aus reichem Hause, die daran zu zerbrechen scheint, dass ihr Mann ihr ein schlechtes Gewissen wegen ihrer behüteten Kindheit einredet. Die Motivation und vor allem sein Groll erscheinen mir zu dramatisch und elementar – erinnern fast an eine Urgewalt. Das wirkt zuweilen verstörend, wenn man den kühlen Erzählten bedenkt, in dem diese Dramen beschrieben werden. Selbstmordversuche und verbrechende Ehen werden mit dem selben reportagenhaften Ton geschildert, wie das heitere Tennisspiel im ersten Kapitel.
Vielleicht konnte ich werden dieses herben Kontraktes nicht richtig warm werden mit diesem Roman und seinen Figuren. Ihre Dramen erinnern zu sehr an die einer Seifenoper. Zugegeben: Einer brillant erzählten, voller schöner Momente und einer präzisen und intensiven Sprache verwendenden. Aber von der Handlung her leider Seifenoper.

Fazit


Ein sprachlich außergewöhnliches Buch, das leider seine Schwächen in dem seifenopernhaften Verlauf hat.
Die 280 Seiten fühlen sich nach weitaus mehr an. Es ist ein dichter, nicht immer leichter Gesellschaftsroman über die Upper Class Australiens. Lesenswert, aber ich hatte mir mehr Figurentiefe gewünscht.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz leerkleines Herz leer

Eure Mareike

Eine sehr ähnliche Einschätzung findet ihr bei Kerstin Scheuer.


Elizabeth Harrower – In gewissen Kreisen
Verlag: Aufbau
Gebunden, 279 Seiten, 22,95€

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1 Kommentar

  • Antworten Bri 23. Juni 2016 um 09:14

    Also ich muss mir das Buch genauer ansehen – da es wohl eher ein schmales Bändchen ist … neige ich sehr dazu, es mir bald zuzulegen ;) Danke für den Tipp!

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