Elif Shafak – Der Geruch des Paradieses

Elif Shafak hat mich mit „Der Architekt des Sultans“ wahnsinnig beeindruckt. Ihr Buch erschloss mir eine völlig neue Welt, die ich so noch nie gesehen hatte. Und auch der Roman „Der Geruch des Paradieses“ versprach wieder ein wundervolles Leseerlebnis.

Dieses Mal verschlägt es uns in die Welt von Peri. Die Heldin dieses Romans lebt in Istanbul im Jahr 2016. Sie ist eine Frau in ihren besten Jahren, verheiratet, hat Kinder und verkehrt in der High Society der Stadt – oder unter denen, die sich dafür halten. Sie ist zusammen mit ihrer Teenager-Tochter auf dem Weg zu einer Party, wird auf dem Weg dahin aber ihrer Handtasche beraubt. Das ganze Geschehen geht für Peri glimpflich aus, dennoch werden alte Erinnerungen wieder wachgerufen. Und damit beginnt die zweite Geschichte – Peris Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend in Istanbul und ihr Studium in Oxford. Immer wieder gab es in ihrem Leben einschneidende Episoden, an die sie sich ganz genau erinnert. Sei es nun an den Vater, der dem Alkohol zugeneigt war, oder an die tiefgläubige Mutter, an ihre beiden wesentlich älteren Brüder, die so unterschiedliche Lebenswege haben, oder an diesen Professor aus Oxford, bei dem sie ein Seminar über Gott belegt hatte. Und natürlich ist da die Erinnerung an ihre beiden Freundinnen aus dem Studium, die so unterschiedlich waren, dass die Freundschaft der drei immer eine Zerreißprobe war.

Immer wieder springen die Kapitel zwischen diesen beiden Geschichten hin und her, geschickt verwoben von der Autorin. Und während die Peri von 2016 eigentlich auf einer schicken Party ist, lässt sie doch all die prägenden Ereignisse aus ihrer Vergangenheit Revue passieren. Dabei offenbart sich immer mehr Peris Zerrissenheit zwischen den Welten. Religion oder Säkularität – Orient oder Okzident? Schon seit ihrer frühesten Kindheit bewegt sie sich zwischen diesen Polen. Und statt im Laufe der Zeit Gewissheiten zu erlangen und sich gewissermaßen für eine Seite zu entscheiden, werden ihre Zweifel und ihre Zerrissenheit nur noch größer.

Elif Shafak beschreibt den Lebensweg einer jungen türkischen Frau. Sie fängt den Wandel des Landes ein und transportiert so auch die vielen Mentalitäten, die in der Türkei aufeinander treffen. Ihre Protagonistin Peri steht dabei immer zwischen den Stühlen und schaut genauso staunend wie der Leser auf das, was gerade passiert. Shafak gelingt es scheinbar mühelos, selbst aus einer so alltäglichen Situation wie einem Abendessen etwas Besonderes oder Außergewöhnliches zu machen. Immer wieder hat sie mich beim Lesen ins Staunen versetzt, man fühlt sich fast, als läse man ein modernes Märchen aus 1001 Nacht. Da fiel es mir auch leicht, ihr manche Langatmigkeit zu verzeihen. Leider habe ich sehr lange gebraucht, um einen Zugang zum Text zu finden und habe das Buch dadurch sehr gestückelt gelesen. Und auch wenn ich nicht zu viel verraten will, aber auch das Ende des Buches hat mich stutzig gemacht – und eher unzufrieden zurückgelassen. Aber vielleicht war genau das das Ziel der Autorin? Zutrauen würde ich es ihr!

Fazit


Ein Buch, das das aktuelle Lebensgefühl in der Türkei einfängt. Das Buch verlangt dem Leser einiges an Konzentration ab, doch die Poesie der Erzählung macht diese Mühen wieder wett. Aber Vorsicht: Nicht von den Langatmigkeiten einschüchtern lassen. Die gehen auch wieder vorbei.

Eure Maike


Elif Shafak – Der Geruch des Paradieses
Verlag: Kein und Aber
560 Seiten, Hardcover, 25 €

Vorherige Beiträge Nächste Beiträge

Vielleicht gefällt dir auch

4 Kommentare

  • Antworten Denise 17. Januar 2017 um 12:05

    Ich habe noch kein Buch von Elif Shafak gelesen, aber habe „Der Architekt des Sultans“ noch auf meinem SuB. Deine Worte zu Beginn haben mir das Buch glücklicherweise wieder ins Gedächtnis gerufen und ich bin schon sehr gespannt auf die Autorin

    • Antworten Maike 5. Februar 2017 um 13:06

      Liebe Denise,
      lies es unbedingt – es ist lang, aber auch wunderschön!
      Liebe Grüße,
      Maike

  • Antworten monerl 20. Januar 2017 um 23:21

    Bei dieser Autorin bist du mir voraus! Beide Bücher stehen auf meiner WuLi. Ihr Buch „Ehre“ liegt schon auf meinem Lese-Stapel für 2017. Ich hoffe, es wird mich begeistern. Jedenfalls werde ich nach dem Lesen berichten.
    GlG, monerl

  • Antworten Stefan 5. Februar 2017 um 14:02

    Liebe Maike,

    ich hab schon mehrmals überlegt, mir „Der Geruch des Paradieses“ zu kaufen aber ich war noch zu sehr hin- und hergerissen.

    Mein vorletztes Buch war „Schnee“ von Orhan Pamuk. Klingt fast so, als ob Shafak das gleiche Thema bedient. Ich gönn mir noch etwas Abstand und werde nach Deiner schönen Beschreibung zugreifen!

    Gruß
    Stefan

  • Kommentar verfassen

    %d Bloggern gefällt das: