Ein Schmuckstück im Regal: Ein Leben von Guy de Maupassant

Vielleicht erinnert sich der ein oder andere von euch noch an die Besprechung über Mercè Rodoredas „Der Garten über dem Meer„, das mich damals nicht nur durch seine schöne Erzählung, sondern auch durch die edele Ausstattung beeindruckt hat. Nun gibt es Nachschub für meine kleine Sammlung an Klassikerschätzen aus dem Mare Verlag.

Guy de Maupassant Leben Cover MareGuy de Maupassant erzählt, wie die junge, sehr schöne Jeanne nach Jahren der abgeschiedenen Klostererziehung mit 17 Jahren von ihren Eltern in die „wirkliche Welt“ geholt wird. Kindlich und naiv, wie sie bewusst von ihren Eltern gehalten wurde, verliebt sie sich in den ersten jungen Mann, der ihr begegnet. Ihre Eltern halten den gutaussehenden Julien für eine gute Partie und fördern die Schwärmerei der beiden. Recht schnell und ohne große Umschweife kommt es zur Hochzeit. Jeanne geht in ihren Schwärmereien und Träumereien vollkommen auf. In ihrer kindlichen Vorstellungen von einem Frauenleben scheint alles nach Plan zu laufen: Einen jungen Mann kennenlernen, sich verlieben und dann heiraten. Doch genau an diesem Punkt endet ihr Lebensentwurf. Verschwommene Ideen von Kindern und einem eigenen Haushalt werden von einer enorm romantisierten Vorstellung von Liebe in den Hintergrund gedrängt.
Ihre Eltern lassen sie in ihrem Taumel, erst nach der Vermählung, kurz bevor sich das junge Brautpaar in die eigenen Gemächer zurückzieht, ringt sich der Vater – nicht die Mutter! – dazu durch, das junge Mädchen auf ihre „ehelichen Pflichten“ mit einigen vagen und wenig hilfreichen Worten vorzubereiten.
Kurz: Die Ehe steht bereits hier unter keinem guten Stern. Zu unterschiedlich die Erwartungen, Kenntnisse und das Machtgefüge zueinander. Julien stellt sich zudem als ein notorischer Ehebrecher, jähzorniger Trinker und insgesamt sehr schlechter Mensch heraus.
Uneheliche Kinder, Fehlgeburten und jede Menge Schicksalsschläge erwarten Jeanne auf ihrem künftigen Leben. Es ist beeindruckend, wie ein so begütertes, attraktives Mädchen, der viele Wege offen standen mit einer einzigen Entscheidung ihr gesamtes Leben zum Negativen wenden konnte.
Ein Leben, wie es wohl viele gab,in Zeiten, in denen Frauen vom Rechtswegen her nur die Rolle eines Besitzes eingeräumt wurde, der von Vater an Schwiegersohn übertragen wurde. Es ist bemerkenswert, dass ein männlicher Autor sich dieser Thematik annimmt und dabei ganz deutlich die Partei der Frauen ergreift.
Leider muss ich sagen, dass ich finde, dass es sich hierbei um ein Werk handelt, das trotz des modernen Ansatzes, nicht gut gealtert ist. Im Gegenteil: Die emotionale Protagonistin, die wegen jeder Kleinigkeit von einer gewaltigen Welle an Gefühlen überrollt wird und kaum zu einer logischen Handlung fähig ist trifft auf den triebgesteuerten Trinker.
Guy de Maupassant Leben Insa 2Immerhin entschädigt Guy de Maupassant mit exzellenten und wunderschönen Naturbeschreibungen. Der Sprachstil ist zwar zuweilen ausufernd, doch kann man in seinen eleganten Beschreibungen versinken. Die Beobachtungen der Natur werden mit großer Sorgfalt und viel Geschick in die Handlung verwoben. Die Sinnlichkeit von Regen, die Farbpracht von Blumen in den Feldern der Provence oder einfach die rhythmischen Bewegungen des Meeres werden mit hoher sprachlichen Brillanz in Worte gefasst. Vermutlich liegt das auch an der wirklich klaren und runden Übersetzung durch Cornelia Hasting, die das Buch in eine zeitgemäße und doch authentische deutsche Fassung überträgt.
Diese Ausgabe von Mare ist Teil deren wundervollen Klassikerreihe in hochwertiger Ausstattung mit Leineneinband und stilvoll gestaltetem Schuber. Das Papier ist besonders glatt und fest. Man spürt auf jeder Seite die hochwertige Herstellung. Wer Fan von Schmuckausgaben und hübschen Klassikern ist, sollte unbedingt einen Blick auf dieses Buch werfen.

Fazit


Für Freunde hochwertiger Buchkunst mit Hang zu französischen Autoren sicherlich ein Muss. Für meinen Geschmack findet man hier ein paar Klischees über die weibliche Natur, das ich mich manchmal mit der Lektüre schwer getan habe. In seiner Zeit war das Werk sicherlich provozierend modern – vielleicht sogar ein Teil der Frauenbewegung. Im Regal steht es aber nun stilvoll neben Mercè Rodoreda und sieht wunderschön aus – ein Autor darf auch mal nur durch optische Reize überzeugen. Das ist auch Emanzipation ;)

Eure Mareike

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Guy de Maupassant -Ein Leben
Aus dem Französischen von Cornelia Hasting
Mit einem Nachwort von Julian Barnes
Gebunden mit Schober, 384 Seiten, 28 Euro

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3 Kommentare

  • Antworten Tobi 10. Februar 2016 um 19:02

    Liebe Mareike,

    dieses Buch ist für mich die beste Neuerscheinung des vergangenen Jahres. Maupassant ist einfach ein Meister und bisher habe ich jedes seiner Bücher verschlungen und geliebt. Dieses hier ist das Allerbeste von ihm. Ich finde es genial, wie er es schafft mit wenigen klaren Worten Menschen zu charakterisieren, ein Portrait von ihnen zu malen, ihnen aber dabei auch eine generalisierte Komponente gibt. Von den Beschreibungen der Landschaft ganz zu schweigen, die er auf faszinierende Art und Weise mit den Menschen verwebt und so der Handlung einen Spiegel gibt. Und ich gebe dir recht, die Ausgabe ist einfach ein Schmuckstück und man merkt, dass hier mit viel Liebe zum Detail gearbeitet wurde. Sowohl in der Wahl des Leinen, als auch in der Farbgebung, dem Papier und Schuber.

    Sein Frauenbild fand ich auch oft recht provozierend. Allerdings glaube ich nicht, dass man auf die Einstellung des Autoren schließen kann. Wie wenige Autoren war er sehr darauf bedacht sein Schreiben und seine Person klar zu trennen und abzugrenzen. Als nach Flauberts Tod aus seinem Nachlaß einige seine Korrespondenz erschien, hat das Maupassant sehr verurteilt und einige seiner Kontakte haben aus Respekt seine Briefe verbrannt. Nur das Werk sollte für den Autoren stehen. Aber natürlich übertreibt er es, wie alle seine französischen Zeitgenossen es ein bisschen. Jeanne sollte eben ein Gegenentwurf zu seiner Mutter sein, die sich von seinem untreuen Vater getrennt hat und den er dafür auch sehr verurteilt hat.

    Ich kann dir Maupassants Novellen sehr empfehlen. Da habe ich gestern den Band 2 fertig gelesen (ich blogge noch darüber). Ein ganz besonderer Genuss. Und natürlich auch „Auf See“, das auch in der Schuber Reihe erschienen ist und ebenfalls mit viel Sorgfalt gestaltet wurde.

    Sehr cool, dass du das Buch hier vorstellst. So ein Beitrag bestätigt mir wieder, dass herzpotenzial in meinem RSS Reader genau richtig aufgehoben ist!

    Liebe Grüße
    Tobi

    • Antworten Mareike 10. Februar 2016 um 19:10

      Lieber Tobi,
      vielen Dank für deinen enthusiastischen Kommentar. Ich weiß natürlich, wie du die Franzosen liebst. Deine Leidenschaft bewundere ich sehr – teile sie aber nur in mittlerem Maße. De Maupassant oder Flaubert sind mir eine Spur zu überschwänglich, wie du selbst sagst. Sie übertreiben manchmal. Da halte ich mich lieber an meinen geliebten Ernest Hemingway, der lieber fünfmal mit dem Rotstift durch seine Texte gegangen ist ;)
      Less is more!
      Aber genau deshalb mag ich die Gespräche mit dir so: Man kann mit dir über Literatur und besonders die Klassiker sprechen und diskutieren.
      Der Mare Verlag hat hier wirklich wieder ein handwerkliches Meisterwerk abgeliefert und das wird sicherlich nicht das letzte aus dieser Reihe in meinem Regal gewesen sein. In deinem ja bekanntlich auch nicht :D
      Also freuen wir uns gemeinsam auf die kommenden Bücher.

      Liebe Grüße
      Mareike

  • Antworten BuecherFaehe 14. Februar 2016 um 13:55

    Wow, das Buch macht echt einiges her. Der mare Verlag ist mir zwar vom Hörensagen bekannt, aber ich muss mich da wohl mal genauer umsehen! ;)
    Hm, dass die Hauptperson so emotional handelt, dürfte für mich hoffentlich kein Problem sein: es ist mal „erfrischend“, dass es auch eine Frau treffen kann, wenn ich so an „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas fils und den Werther von Goethe denke – da sind die Männer vor Emotionalität und Gefühl kaum zu erkennen. ;) Geliebt habe ich die Bücher trotzdem. :D

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