Ein Interview mit Kathrin Weßling

Auf der Frankfurter Buchmesse hatten wir das große Vergnügen das Multitalent Kathrin Weßling zu treffen und uns mit ihr unterhalten zu können. An anderer Stelle haben wir bereits das „5 Fragen an…“-Interview mit ihr veröffentlicht. Heute soll sie noch einmal zu Wort kommen.

Nachdem 2012 ihr Debütroman „Drüberleben“ erschien, legte sie 2015 mit „Morgen ist es vorbei“ nach. Im Internet schlug der Kurzgeschichten-Band ein wie eine Bombe. Die Autorin widmet sich in 13 mal kürzeren mal längeren Episoden dem Thema Liebeskummer und hat damit einen Volltreffer gelandet. Denn Liebeskummer ist etwas, das die meisten Menschen schon am eigenen Leib erfahren haben und generell eher nicht in guter Erinnerung. Das ist auch die Art, wie Weßling dieses Gefühl darstellt – unangenehm, aufwühlend, authentisch. Sie trifft so genau den Ton, den der Zustand, in dem man sich bei Liebeskummer befindet, verdient hat.
Wir haben unser Treffen mit ihr genutzt und ihr ein paar Fragen zu ihrem Buch gestellt.

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Bild: Yelda Yilmaz

Warum Liebeskummer als großes Thema?

Das war tatsächlich logisch, das so zu machen, weil es das Zentrum aller Geschichten war. Ursprünglich sollte das Buch ein durchgehender Roman sein und irgendwann ist meinem Verleger, dem Lektorat und mir während des Schreibens klar geworden, dass es eigentlich viele aneinandergereihte Geschichten sind, die zwar schon alle was miteinander zu tun haben, aber eigentlich getrennt stehen. Dann haben wir das auseinander klamüsert und gesehen, dass alle Liebeskummer haben und das das zentrale Thema ist. Und auf dieser Grundlage habe ich dann weiter geschrieben.
Ich habe mich also nicht am Anfang hingesetzt und gesagt, dass ich jetzt mal ein Buch über Liebeskummer schreibe, sondern das hat sich erst nach und nach gezeigt. Na und dann hab ich mich halt hingesetzt und gesagt „Jetzt schreib ich wohl ein Buch über Liebeskummer“.

Liebskummer erscheint in der Literatur eher als Übergangsritual bzw. ein Übergangsgefühl. Beim Lesen deines Buches kam es uns aber so vor, als ob du das anders interpretierst und den Liebeskummer als etwas Tieferes darstellst.

Ja, das stimmt. „Morgen ist es vorbei“ nimmt den Liebeskummer viel ernster. Und das versuche ich auch immer wieder zu betonen, denn es geht eben nicht darum, dass man jetzt mal etwas leidet, um danach was viel geileres zu kriegen. Das ist halt diese ganze Selbstoptimierungssache, wo einem vermittelt wird, das man das jetzt macht und danach bist du einfach ein geilerer Mensch. Du machst halt jetzt ganz viel Sport und lernst dann einen viel tolleren Menschen kennen. Das finde ich sowieso ganz schlimm, das den Leuten vermittelt wird, das sie jetzt einfach nur das und das ändern müssen und dann bessere Menschen sind oder das sie im Moment nur leiden, weil sie halt noch nicht geil genug sind. Jemanden zu finden, mit dem man zusammen sein will, ist halt eine echte Glückssache, das hat viel mit Ort, Zeit und Commitment zu tun. Und wenn es halt nicht klappt, ist es halt einfach Pech. Und genau das wollte ich auch klar machen. Die Protagonisten im Buch haben den Liebeskummer weder verdient noch nicht verdient. Es war einfach nur Pech. Das ist wie im richtigen Leben, da sind auch mal Leute in glücklichen Beziehungen, bei denen man sich fragt, warum die das verdient haben. Haben die irgendwas Tolles gemacht oder sind die so tolle Menschen, das sie das verdient haben? Oder ist es einfach Glück. Liebeskummer ist für mich genauso ein Status oder Seinszustand wie kein Liebeskummer. Und das kann halt auch mal länger anhalten und lässt sich nicht einfach in kürzester Zeit wegoptimieren. Denn wenn man innerhalb von zwei Monaten über eine fünfjährige Beziehung hinwegkommt kann man sich ja schon fragen, wie groß die Liebe eigentlich war.

In welchem Zeitraum sind Buch und Idee entstanden?

Das hat tatsächlich viele Jahre gedauert. Genau genommen ist das fast schon mein drittes oder viertes Buch. „Drüberleben“ ist 2010 erschienen, jetzt haben wir 2015 und dazwischen gab es tatsächlich schon einige fertige Bücher. Aber ich war halt nie zufrieden. Und zum Glück hab ich da einen Vertrag, der mir einfach die Zeit gab, immer wieder Sachen zu ändern und umzuschmeißen, bis schließlich „Morgen ist es vorbei“ fertig war. Ich hab Jahre gebraucht, um das Buch so umzumodeln, bis es mir gefiel. Aber es ist halt auch das zweite Buch und das zweite ist halt immer echt kacke. Doch im Gegensatz zu anderen Autoren war es mir eigentlich ziemlich egal, ob es nun erfolgreich ist oder nicht. Ich bin jetzt aber mit „Morgen ist es vorbei“ auch viel glücklicher als mit „Drüberleben“, weil es viel mehr mein Buch ist. Als ich das in den Händen hatte, dachte ich, dass das ein Buch ist, das ich für mich geschrieben habe. Wenn ich das ansehe, bin ich immer glücklich.

Jetzt eine kleine inhaltliche Frage. Es taucht mehrfach die Phrase „brachte mir das Essen bei“ auf. Was hat es damit auf sich?

Das ist tatsächlich ein persönlicher Bezug. Als ich mit dem Schreiben anfing, endete bei mir gerade eine sehr lange Beziehung und ich konnte nicht mehr essen. Ich war ziemlich abgemagert, aber es ging einfach nicht mehr. Ich hab dann einen Mann  kennengelernt, der sich sehr viel um mich gekümmert hat. Die Wäsche-Aufhängen-Geschichte dreht sich auch darum und der hat mir dann das Essen wieder beigebracht. Ich fand das so bemerkenswert, weil sich da zeigte, wie existenziell die Liebe auch sein kann. Es geht halt nicht immer darum, jetzt unendlich geile Sachen zusammen zu machen. Denn Liebe ist manchmal auch beschämend nackt voreinander zu sein: „Ich kann nicht mehr essen, kannst du mir bitte helfen?“. Genau diesen Punkt wollte ich damit im Buch unterbringen.

Wie stehst du eigentlich zum Thema Feminismus? Denn es geht ja doch auch schon immer um emotionale Abhängigkeit und Schwäche zeigen und du zeigst die Figuren quasi nackt. Siehst du dich als starke Frau? Du stellst ja auch beide Geschlechter sehr verletzlich dar?

Charlotte Roche hat da gestern(Anmerkung Herzpotenzial: Während der Frankfurter Buchmesse) etwas Schönes zu gesagt. Sie wies darauf hin, dass Frauen in Fernsehserien jetzt gerne man mit heraus gestrecktem Bauch gezeigt werden und dadurch eine Form von Schwäche und Verletzlichkeit zeigen. Meine Figuren wählen den Weg der 100 % Verletzlichkeit in der Abhängigkeit. Ich finde, dass ist eine schwer zu beantwortende Frage, über die wir jetzt locker 4 Stunden reden könnten. Ich selber habe aber ein unheimlich schwieriges Verhältnis zu Schwäche und Stärke. Die einfache Antwort wäre natürlich: In jeder Schwäche liegt eine Stärke und auch in der Stärke liegt eine Schwäche. Aber das ist natürlich nur Blabla, denn die Figuren im Buch sind unglaublich geschwächt. Man kann sie unglaublich leicht zerbrechen, Gleichzeitig sind sie aber auch unheimlich stark, weil sie sich nicht unterkriegen lassen und voll zäh sind. Deswegen hat das gar nicht so viel mit der Frage nach Mann oder Frau zu tun, sondern was Abhängigkeit und was Liebe ist. Und diese Frage muss jeder für sich selbst zu beantworten.

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Bild: Yelda Yilmaz

Was hast du aktuell für Pläne, hast du eventuell schon ein neues Projekt?

Jetzt im Moment schreibe ich gerade nicht, weil ich einfach ganz viele Jobs habe, beim Spiegel und dem digitalen Stadtmagazin, das ich mit Freunden mache. Damit bin ich im Moment einfach maximal ausgelastet. Ich werde bestimmt noch ein Buch schreiben oder besser ganz viele Bücher, aber jetzt gerade… dieses Jahr definitiv nicht mehr. Es war halt echt anstrengend und möchte mich da jetzt erst mal wieder sammeln, bis etwas von ganz alleine raus möchte.

An dieser Stelle noch einmal vielen Dank an Kathrin Weßling, dass sie sich die Zeit für unser Gespräch genommen hat und an den Luchterhand Verlag.

Wer mehr von ihr lesen möchte, dem empfehlen wir die Rezension bei Sophie und dieses Interview bei Edition F.

Eure Maike und Mareike


Kathrin Weßling – Morgen ist es vorbei
Verlag: Luchterhand
208 Seiten, Klappbroschur, 14,99€

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4 Kommentare

  • Antworten Marina 15. Februar 2016 um 19:02

    Ich bin schwer verliebt! ♥

  • Antworten Cara 15. Februar 2016 um 19:38

    Tolles Interview mit richtig tollen Fragen! Mir war Kathrin Weßling bereits ein Begriff, beide Bücher stehen auf der Wunschliste, aber bis jetzt sind mir die Bücher in der Buchhandlung noch nicht in die Hände gefallen. Eurer Interview hat mich auf jeden Fall noch einmal mehr neugierig gemacht!
    Liebe Grüße,
    Cara

  • Antworten Tatze 16. Februar 2016 um 17:09

    Hallo ihr beiden :)

    ein wirklich tolles Interview. Ihr habt mit den Fragen so viel herausgekitzelt, einfach nur toll!

    Liebe Grüße,
    Tati

  • Antworten Nanni 17. Februar 2016 um 11:04

    Hey ihr Zwei (in dem Falle ja Drei),

    ein wirklich tolles und interessantes Interview. Ich habe während der FBM das Buch gelesen und auch kurz mit Kathrin Weßling sprechen können. Ich finde es beeindruckend wie ehrlich und offen sie die Fragen beantwortet. Sie gibt ja schon ein ganz ordentliches Stück von sich preis. So wie sie es beim Schreiben auch getan hat. Nicht alles ist für uns erkennbar und doch spürt man in den Geschichten, dass ganz viel von ihr selbst drin steckt. Sie fühlen sich sehr „echt“ an (ist ja irgendwie auch eine Phrase, aber mir ist leider nichts besseres eingefallen). Auf der anderen Seite ermöglichen sie mir als Leser einiges aus meinem eigenen Leben, einen Teil meiner eigenen Biografie darin zu entdecken. Liebeskummer hat jeder schon mal gehabt, in welcher Form auch immer. Bei mir hat das ein Gefühl von verstanden werden ausgelöst.

    Viele liebe Grüße
    Nanni

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