Ece Temelkuran – Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann?

[lightgrey_box]On the Road im Arabischen Frühling: Vier Frauen in einem alten weißen Mercedes, unterwegs von Tunis nach Beirut: Amira, Tänzerin und Aktivistin, Maryam, Wissenschaftlerin und fromme Muslima, und die Ich-Erzählerin, eine arbeitslose Journalistin. Und dann ist da noch Madame Lilla, eine geheimnisvolle alte Dame, die die Frauen auf diese Reise ins Ungewisse eingeladen hat. Eine Hymne an die Freundschaft, ein wilder Roadtrip und eine rasante Geschichte über weibliche Selbstbehauptung.[/lightgrey_box]

Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann?

Mitten im arabischen Frühling treffen in einem Hotel in Tunis drei junge Frauen aufeinander. Amira, die schöne tunesische Tänzerin, die in New York gelebt hat und als politische Aktivistin tätig war. Maryam, die Wissenschaftlerin aus Ägypten und gläubige Muslima, die während der Revolution in ihrem Heimatland mit auf dem Tahrir-Platz war. Und die türkisch-stämmige Ich-Erzählerin, die als Journalistin gearbeitet hat, aber nun ihren Job verloren hat. Alle drei verbindet, dass sie vor irgendetwas in ihrem Leben weglaufen, sei es die Familie oder die politische Situation in ihren Heimatländern. Eines Abends lernen sie die geheimnisvolle alte Dame Madame Lilla kennen, die ihnen ein verlockendes Angebot macht. Sie sollen sie auf eine Reise in den Libanon begleiten, einmal quer durch Tunesien, Libyen und Ägypten. Die drei willigen ein und so brechen die Frauen zu einem abenteuerlichen Road-Trip mit ungewissem Ende auf.

Vier unterschiedliche Frauen auf der Reise ihres Lebens, so könnte man das Buch auch beschreiben. Alle Frauen tragen dabei ihr eigenes Päckchen und erst nach und nach wird klar, warum sie sich auf diese Reise eingelassen haben. Denn das darf man nicht vergessen: Amira, Maryam und die namenlose Ich-Erzählerin haben sich erst wenige Abende vor Beginn des Trips getroffen, Madame Lilla lernen sie quasi den Abend vorher kennen. Im Endeffekt gehen also vier sich völlig Unbekannte auf eine Reise, die voller Gefahren ist. Und dennoch haftet dem ganzen Unterfangen etwas an, dass ich als „zauberhaft“ beschreiben würde. Denn die vier Frauen vertrauen intuitiv aufeinander und halten zusammen und schaffen es so auch gefährlichen Situationen zu entkommen. Und dadurch entsteht erst Vertrauen und schließlich Freundschaft. Gemeinsam auf dieser Reise durch eine immer noch stark von Männern dominierte Welt, kämpfen sie für ihre Rechte und ihr individuelles Glück. Von Anfang an halten sie zusammen und stehen füreinander ein und so vertrauen sie sich nach und nach ihre Geheimnisse an und lernen – ganz nebenbei – wichtige Lektionen für das Leben.

Ece Temelkuran gelingt es meisterlich, eine moderne Form des 1001 Nacht-Feelings zu erschaffen. Die Art, wie sie die Geschichte erzählt, ist fließend und sie schafft es – genau wie Sheherazade – die Spannung immer aufrecht zu erhalten und den Leser ganz natürlich zum Weiterlesen zu bewegen. Dennoch war das Buch für mich keines, dass ich einfach mal nebenbei lesen konnte. Ich habe es zwischendurch immer wieder aus der Hand gelegt, um über das Gelesene nachzudenken und es für mich verarbeiten zu können. Zum Beispiel, als die drei Frauen in Ägypten bei einer Freundin Madame Lillas die Regeln der Göttinnen lernen. Regeln, die Frauen auf der ganzen Welt beherzigen können und für mich eines der stärksten Argumente, warum dieses Buch bereits jetzt als ein Kultbuch gehandelt wird. Denn in der von Männern dominierten Welt müssen Frauen erst lernen, ihren Platz einzufordern. Und dazu gehört auch die von anderen unabhängige Liebe zu sich selbst. Die Autorin hat sehr selbstständige Charaktere geschaffen, die (teilweise lautstark) ihre persönlichen Freiheiten fordern, aber auf sich allein gestellt mit ihnen nicht umzugehen wissen. Erst im Miteinander gelingt es ihnen, zu sich selbst und zu ihrer Unabhängigkeit zu finden.

Fazit: Ece Temelkurans Roman ist ein Buch über Freundschaft, über das Füreinanderdasein und in gewisser Weise auch über Liebe. Denn es kommt nicht nur darauf an, dass man andere liebt, sondern auch darauf, dass man sich selbst liebt. Damit hebt sie etwas hervor, was Frauen auf der ganzen Welt beherzigen können. Denn nur wer sich selbst liebt und mit all seinen guten und schlechten Seiten akzeptiert, kann sein vollen Potenzial entfalten, für die eigenen Ziele kämpfen und für seine Ideale einstehen. Und damit hat der Roman für mich das Potenzial, auf der ganzen Welt zu einem Kultbuch zu werden.

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Ece Temelkuran – Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann?
Atlantik Verlag
448 Seiten, gebunden, 22,00€

Eure Maike

Rezensionsexemplar – vielen Dank!

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5 Kommentare

  • Antworten primeballerina 19. September 2014 um 17:48

    Ach, schöne Rezension! Das Buch steht schon eine Weile auf meiner Wunschliste, jetzt möchte ich es aber unbedingt!

    Liebe Grüße!
    Jess

    • Antworten Maike 19. September 2014 um 19:52

      Hey Jess!
      Ich rate unbedingt zu diesem Buch, es ist wirklich was Besonderes. Vor allen Dingen ist es eines von denen, die man auch nach ein paar Jahren gerne noch mal in die Hand nimmt, das kann ich für mich jetzt schon sagen. Liebe Grüße, Maike

  • Antworten skyaboveoldblueplace 20. September 2014 um 19:01

    Liebe Maike,
    das kommt natürlich auf die Liste (seit ich Eure Seite entdeckt habe wird die erschreckend schnell länger und länger, muss überlegen, ob ich mirBesuchsverbot erteile…). Eine sehr schöne Besprechung und ich glaube, auch ein sehr wichtiges Thema, die Frauen im ‚arabischen Frühling‘ und danach. Habe mir sofort die Leseprobe runtergelassen. Da will man gleich weiterlesen…
    Liebe Grüsse
    Kai

    • Antworten Maike 21. September 2014 um 17:24

      Lieber Kai,
      vielen Dank für die lieben Worte! Und natürlich ist es uns ein Vergnügen, die Wunschlisten unserer Leser zu erweitern :-) Glaub mir, uns geht es auch nicht anders, wenn wir auf anderen Blogs stöbern! Und Ece Temelkurans Roman ist schon ein echtes Schätzchen, der in vieler Hinsicht noch mal einen neue Perspektive eröffnet.
      Liebe Grüße, Maike

  • Antworten Cirilla von Cintra 26. März 2016 um 17:20

    Liebe Maike,

    ich habe dich mit dieser schönen Rezension auf meiner Weltreiseseite in Afrika verlinkt. Ich hoffe, dass das ok ist. Ansonsten sag mit bitte einfach bescheid, dann nehme ich den Link direkt wieder raus :)

    Liebe Grüße
    Ciri

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