Der düstere Blick in die eigene Seele: [Rezension] Oscar Wilde – Das Bildnis des Dorian Gray

Es gibt Bücher, die kennt man einfach. Man muss sie nicht gelesen haben, um grob zu wissen, worum es geht. „Das Bildnis des Dorian Gray“ ist so ein Buch, dass man zu kennen meint und es irgendwann auch mal lesen möchte, aber es dann doch irgendwie nie tut.
Im Zuge unserer 100-Bücherliste und weil ich diese Ausgabe einfach unschlagbar günstig und zugleich so wunderschön fand, habe ich mal wieder Oscar Wilde gelesen.

[lightgrey_box]Oscar Wildes Dorian Gray ist eine der berühmtesten Figuren der Weltliteratur: So stauneswert schön er ist, so unverdorben und naiv ist sein Blick auf die Welt. Verführt durch den geistreichen Zyniker Lord Wotton, stürzt Dorian sich haltlos ins lüsterne Londoner Nachtleben. Ausschweifung und Genuss wecken in ihm den innigen Wunsch nach unvergänglicher Jugend – und auf wundersame Weise altert fortan nicht mehr er selbst, sondern ein Porträt von ihm. Doch Dorians unbedachter Pakt mit dunklen Mächten hat grausame Folgen… (Quelle: Anaconda Verlag)[/lightgrey_box]

DorianGray„Das Bildnis des Dorian Gray“ ist Wildes einziger Roman. Er ist mehr für seine Kunstmärchen und Gedichte bekannt – am meisten aber vermutlich für seine Aphorismen. Beim Lesen des „Dorian Gray“ war ich überrascht, wie viele Sätze ich daraus als typische Oscar-Wilde-Zitate kannte. Die Figur des Lord Henry, der Gray nach und nach in seine dekadente Welt der Lasterhaftigkeit einführt, neigt zu starken und klaren Aussagesätzen. Diese Figur beeindruckte mich am meisten (nicht zuletzt, weil sie in der grandiosen Verfilmung von 2009 von Colin Firth gespielt wird und ich entsprechend sein Gesicht mit der Figur verbinde.) Lord Henry steht für den typischen dekadenten Gentlemen des Fin de Siecle: Reich, sehr gebildet, ein Ästhet, gelangweilt und mit lockeren Moralvorstellungen, die den strengen Sitten der gerade verfallenden Viktorianischen Ära provokant gegenüber stehen. Dabei ist er jedoch stets wortgewandt und selbstironisch.
Als er nun den jungen und naiven Dorian kennen lernt ist er nicht nur von dessen außergewöhnlicher Schönheit beeindruckt, sondern auch von dessen Reinheit und Naivität. Dorians Charakter ist noch unverdorben und zugleich ohne erkennbare Charaktereigenschaften (abgesehen von einer ersten Neigung zur Egozentrik.) Lord Henry ist bei der Fertigstellung des meisterhaften Gemäldes von Dorian dabei und ab hier nimmt er Einfluss auf ihn – macht ihm glaubhaft, dass nur Jugend und Schönheit wirklich erstrebenswert sind und das Gemälde ihm somit etwas voraus habe. Dorian bricht in Zorn aus und verflucht sein Bildnis und seine eigene vergängliche Schönheit. Aus heutiger Gruselfilm-geprägten Zeit erwartet man nun Donnergrollen oder andere Symbole, die einen düsteren Pakt markieren, die Veränderung auf effektvolle Weise unterstreichen, doch es passiert zunächst gar nichts. Dorian nimmt das Bildnis in sein Haus und beginnt einen lasterhaften Weg einzuschlagen. Mich hat es sehr überrascht und beeindruckt, wie Wilde völlig auf Gruselelemente und mystische Elemente verzichtet und ganz logisch und kühl eine Verbindung von äußerer Schönheit und seelischer Reinheit zieht. Denn das ironische an der Figur des Dorian ist wohl, dass er so auf sein Äußeres fixiert ist, dass er wohl niemals ein solch ausschweifendes und verwerfliches Leben geführt hätte, wenn sich seine Taten in sein eigenes Gesicht und nicht in sein Bild eingegraben hätten. Ein genialer Gedanke! Wie würden wir uns verhalten, wenn unser Verhalten keine körperlichen und seelischen Folgen hätte? Als Adeliger scheinen die Figuren eh etwas über dem Gesetz zu stehen, also kann man wohl eine rechtliche Verfolgung ausklammern. Würdet ihr feiern, trinken, schlemmen, Orgien feiern? Dorian erliegt der Versuchung und gerät in einen tragischen Strudel von düsteren Ereignissen.

DorianGray-Buchruecken

Bei Dorian Gray handelt es sich um eine Figur, die in zahlreichen Adaptionen in Theater, Oper, Kino und sogar Comic stets aktuell und lebendig bleibt. Zusammen mit Figuren wie Frankensteins Monster, Dr. Jekyll und Mr. Hyde und Dracula gehört er zur unsterblichen Riege von (spät)viktorianischen Gruselfiguren, die inzwischen Teil unseres kulturellen Gedächtnisses geworden sind – mythische Figuren, die größer sind als ihre eigene Geschichte…

Fazit: Für mich ein etwas verschnörkeltes, jedoch intensives und philosophisches Buch über Schönheit, Moral und Vergänglichkeit. Die mystischen Elemente und die starken Figuren machen dieses Buch zu Recht zu einem Klassiker der Weltliteratur. Lese, gruseln und genießen.
kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefüllt

Oscar Wilde – Das Bildnis des Dorian Gray
Verlag: Anaconda
288 Seiten,  gebunden mit Schutzumschlag, 4,95 €

Eure Mareike

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4 Kommentare

  • Antworten Henrik 16. Mai 2016 um 16:21

    Hallo Maike,

    schöne Rezension zu einem ebenso tollen Klassiker! :)

    Liebe Grüße
    Henrik

    • Antworten Mareike 16. Mai 2016 um 16:55

      Hey Henni, freut mich sehr, dass dir das Buch auch so gut gefallen hat! :)
      Mareike

  • Antworten Micke 8. Januar 2017 um 23:29

    interessante Rezension, danke Mareike

  • Antworten Seitenfetzer 23. Juli 2017 um 22:20

    Hey Mareike,
    ich selbst war nicht ganz so begeistert von der Geschichte. Deswegen werde ich deine Rezension als Zweitmeinung in meiner verlinken, die irgendwann in nächster Zeit erscheinen wird.

    Ich wünsche dir noch einen schönen Start in die Woche!

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