Lluis Llach – Die Frauen von La Principal

Ein Weingut in Spanien, La Principal genannt, befindet sich seit drei Generationen in Frauenhand. Eine ungewöhnliche Tradition für ein konservatives Land und ein so konservatives und hart umworbenes Gewerbe wie den Weinanbau. Doch die Frauen von La Principal sind genau das: ungewöhnlich. Dieser Roman von Lluis Llach spielt auf einem traditionsreichen, katalanischen Weingut. Im Jahr 1940 steht ein junger Inspektor vor den Toren der sogenannten „La Principal“ und möchte die Besitzerin Maria Magi sprechen. Bei sich trägt er ein Notizbuch, das auf der ersten Seite mit folgenden Worten überschrieben ist: „Mord auf der Principal“. Die alte Dienstmagd Ursula ist geschockt und verwirrt. Von welchem Mord spricht dieser junge, charmante Fremde und warum will er unbedingt ihre Herrin sprechen?
Nach und nach enthüllt dieser Roman die Geschehnisse des Mordes, der einige Jahre zurückliegt und in den wirren des Krieges vergessen schien. Man erfährt von den drei Besitzerinnen, den drei „Marias“, die jede auf ihre Art das Weingut durch Krisen, Reblausbefall und Kriege gebracht haben. Der ersten Maria wird als einziger Tochter neben vier Söhnen überraschend das Weingut vermacht. Die Weinstöcke stehen zu diesem Zeitpunkt kurz vor der Vernichtung durch die Weinlaus, die bereits die gesamte Region ruiniert hat. Ihr Vater will mit den Söhnen nach Barcelona ins prunkvolle Stadtanwesen ziehen. Maria soll daheim in der Provinz bleiben und die letzten Weinproduktionen überwachen. Für immer allein an das zum Tode verurteile Landgut gebunden schwört die junge Frau, es allen zu beweisen und ihre Principal zu neuem Glanz zu bringen. Verbittert und verbissen kämpft sie gegen Vorurteile und gegen die Eifersucht ihrer Brüder. Eine Generation später steht ihre Tochter ganz anderen Problemen gegenüber – doch auch hier sind es die gesellschaftlichen Konventionen, die Zweifel an den Fähigkeiten einer Frau und nicht zuletzt die politischen Unruhen, die das Anwesen erneut in eine Krise stürzen.
Zwischen diesen beiden Frauen springt die Handlung, es werden Anekdoten, Erinnerungen, Märchen und Träume in die Handlung eingeflochten. Der Erzähler gibt seinen Figuren den Raum, sich selbst an die Vergangenheit auf ihre eigene Weise zu erinnern. Er nähert sich den Ereignissen durch verschiedene Figuren und in unterschiedlichen Blickwinkeln an. Man beginnt an magisch anmutende Gerüchte zu glauben, nur um im nächsten Moment eines Besseren belehrt zu werden. Alles ist weitschweifig ineinander verwoben und nicht immer geradlinig. Man meint einem alten Geschichtenerzähler zu lauschen, dem spontan eine andere kleine Geschichte einfällt, für die er einen kleinen Umweg einschlägt.
Erst im späteren Verlauf des Buches wird die letzte Maria vorgestellt, die Enkelin im 21. Jahrhundert. Mit Routine und großem Selbstverständnis führt sie das Erbe ihrer Vorfahrinnen weiter.  Ab hier nimmt dieser auf den ersten Blick typische Historienroman eine überraschende Wende: Der Erzähler bekommt ein Gesicht und diskutiert die Lebensgeschichten der beiden Vorfahrinnen mit ihr. Durch die Meta-Gespräche zwischen der Maria der Gegenwart mit dem Erzähler wird das bisher erzählte aufgebrochen und in Frage gestellt. Der Roman scheint plötzlich seine eigenen Schwachstellen – die Abschweifungen! – zu benennen und zu diskutieren. Die Ausschweifungen, Legenden und Einschübe werden als stilistisches Mittel markiert. Die Handlung gewinnt an Tiefe, neue Facetten der Erzählkunst werden offenbart und zeigen die eigentliche Intention hinter dieser Erzählung: Oberflächlich betrachtete Normalität ist nur eine Scheinwirklichkeit. Die Wirklichkeit ist komplexer, Definitionen von Gut, Böse, Liebe, Treue, Romantik oder Stärke sind Aushandlungssache. Jede der vorgestellten Figuren muss für sich seine eigenen Werte finden und danach leben. Einigen gelingt dies besser – sie müssen dafür aber vielleicht mehr opfern als andere. Andere scheitern daran und gehen daran zu Grunde.
Ich muss gestehen, dass ich nach den ersten Kapiteln geneigt war, dieses Buch als genau das abzutun, was suggeriert wurde: Hier liest du eine Familiengeschichte mit „düsterem Geheimnis“ – Vorsicht, Klischee! Doch dass mit all diesen Elementen so gekonnt gespielt, alles schließlich aufgebrochen und in ein anderes Licht gestellt wurde, kam überraschend!

 

 

Lluis Llach ist in seiner Heimat während der Franco-Diktatur zur Legende geworden. Als Sänger im Exil hatte seine Musik großen Einfluss auf die katalanische Unabhängigkeitsbewegung. So ist es nicht verwunderlich, dass sein Roman ebenfalls von Unabhängigkeit und neuen Wegen handelt. Es ist ein Roman über das Aufbrechen von gesellschaftlichen Konventionen in Bezug auf Männlichkeit, Weiblichkeit, Sexualität, Religion und Status. Llach gelingt es, in fast liebevollem Ton von seinen Protagonistinnen zu erzählen und jede für sich plausibel zu zeichnen. Man versteht ihre raue, fast brutale Härte, ihre Verschlossenheit und Sturheit nur zu gut, wenn man sich ihr Umfeld anschaut. Diese Frauen leisteten Widerstand, jeden Tag ihres Lebens gegen ein Bild ihrer selbst, das sie nicht akzeptieren wollten.

Fazit


Ein Generationenroman mit einem Mord auf einem prächtigen Familienanwesen und einem Familiengeheimnis. Bis hierhin wird das Klischee bedient. Und doch ist dieses Buch weitaus mehr, denn es erzählt von Rebellion, von den eigenen Möglichkeiten und der Stärke Einzelner. Llach verbindet all dies zu einer verschachtelten, manchmal etwas orientalisch-märchenhaft anmutenden Erzählung, der ein paar Wendungen weniger durchaus gut getan hätten.

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Eure Mareike


Lluis Llach – Die Frauen von La Principal
Aus dem Katalanischen von Petra Zickmann
Verlag: Insel
Gebunden, 368 Seiten, 19,95€

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1 Kommentar

  • Antworten Hauke 9. Juni 2016 um 11:27

    Danke für die nette Erinnerung!
    Das Buch liegt auch noch bei mir und möchte gelesen werden.
    Herzliche Grüße, Hauke

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