Die alten Griechen in neuem Licht

Wer war eigentlich Odysseus? Dieser klassische griechische Held, der vor den Toren Trojas kämpfte und jahrelang über das Meer irrte, bevor er wieder nach Hause zu seiner Frau fand. Ein strahlender Held, durch und durch, der alle Abenteuer meistert, aus Rückschlägen immer noch etwas Positives zieht und ganz nebenbei die Herzen aller Frauen bricht (und viele Kinder zeugt). Doch Sándor Márai nähert sich diesem Mann nun auf eine völlig neue Art und Weise. Er lässt Odysseus‘ Frauen und Kinder erzählen. Und wenn die Familie auspackt, kommen auch die unguten Geschichten zum Vorschein.

Die Frauen von IthakaDas Buch gliedert sich in drei große Abschnitte. Im ersten berichtet Penelope, Odysseus Ehefrau in Ithaka, von den Geschehnissen nach der Rückkehr ihres Mannes. Sie berichtet davon, wie ruhelos er war, dass er am liebsten auf Reisen war – und von dem Massaker, das er aus Eifersucht an ihren Liebhabern begangen hat. Nach der langen Trennung versuchen die beiden wieder als Ehepaar zusammen zu leben und in einen Alltag hinein zu finden. Doch am Ende ihrer Erzählung berichtet Penelope von ihrer Verbannung, mit der Odysseus sie für ihre Treulosigkeit bestraft.
Im zweiten Abschnitt kommt sein ehelicher Sohn Telemachos zur Welt. Er fürchtet, dass sein Vater ihn jederzeit umbringen könnte. Odysseus wurde prophezeit, durch die Hand eines seiner Söhne zu sterben. Und da Odysseus auf seinen langen Irrfahrten eine Vielzahl von Söhnen gezeugt hat, sieht er sich fortwährend von ihnen bedroht. Telemachos bricht schließlich zu einer eigenen Reise auf, um einer Konfrontation zu entgehen. Er sucht Kalypso auf, die seinen Vater 7 Jahre lang in ihrem Bann hielt, um von ihr etwas über seinen Vater zu lernen.
Im dritten Abschnitt kommt Telegonos zu Wort. Odysseus hat ihn mit der Zauberin Kirke gezeugt und er wusste lange nicht, wer sein Vater ist. Erst als er eine Unterhaltung seiner Mutter mit dem Gott Hermes belauscht, erfährt er die Wahrheit seiner Abstammung. Und da Kirke nicht ahnt, dass sie belauscht wird, berichtet sie auch noch einiges anderes von Odysseus. Doch trotz allem bleibt sein Vater ein Unbekannter für Telegonos. Auch deshalb macht er sich eines Tages auf die Suche nach ihm. Dabei bekommt er von seiner Mutter einen Auftrag – er soll seinen Vater töten.

Márai nimmt den strahlenden Helden Odysseus und zerlegt ihn – man kann es nicht anders sagen – nach und nach, bis eine vollkommen gebrochene Gestalt zum Vorschein kommt, die so gar nichts mit dem griechischen Superstar gemein hat. Er zeigt, dass es ihm auf seinen Reisen und in den Kriegen (Stichwort: Troja) nicht um die Ehre oder oder hehre Ideale ging, sondern vorrangig um wirtschaftliche Vorteile und Machtgier. So kitzelt er nach und nach die wahre Persönlichkeit von Odysseus heraus und rückt die gesamte griechische Mythologie in ein neues Licht. Denn ganz nebenbei erfährt der Leser auch etwas über die „edlen“ Götter. Und da die Erzähler nicht so gut auf einige von ihnen zu sprechen sind, kommen auch hier pikante Details ans Licht.
Mir gefiel dieses ganz andere Herangehen sehr gut. Nicht wie sonst so oft, wo der Held nach und nach seine Qualitäten unter Beweis stellen muss. Nein, wir haben einen fertigen Helden und der wird nach und nach dekonstruiert. Der Autor spielt mit seinem Ausgangsmaterial und das wirkt sich auch auf seine Sprache aus. Leicht, immer ein wenig ironisch und in den Zwischentönen regelrecht schadenfroh. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass Márai beim Schreiben eine Menge Spaß hatte. Dabei hält er sich aber streng an die Vorgaben der eigentlichen Sage. Er füllt somit nur die Abschnitte, über die in der Sage nicht gesprochen wird. Leider werden diese Abschnitte zwischendurch recht langatmig. Ich musste mich beim Lesen immer mal wieder selbst motivieren, um weiter zu kommen. Dabei bleibt Márai seinem einmal begonnenen Stil aber treu. Es ist, als würde man einer mündlichen Erzählung folgen, was bestimmt nicht nur zufällig an die mündliche Weitergabe der klassischen Sagen erinnert.

Fazit: Griechische Mythologie mal anders! Für Fans der klassischen Sagen ist dieses Buch meiner Meinung nach ein Muss. Und wer sich noch nicht an den „Odysseus“ gewagt hat, bekommt hier vielleicht einen Zugang – Sándor Márai hat sich wesentlich kürzer gefasst und schreibt auch eine verständlichere Sprache!

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Sándor Márai – Die Frauen von Ithaka
Verlag: Piper
416 Seiten, eBook, 8,99 €

Eure Maike

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2 Kommentare

  • Antworten Anna 8. Februar 2015 um 17:13

    Das Buch scheint toll zun sein! Und genauso die Rezension! Vielen Dank, Maike! Insbesondere einige Worter in der Rezension sind superpassend: „zerlegen“, „dekonstruieren“. Ich glaube, dass das Buch auch zu diejenigen gut gefallen konnte, die die Mythologie nicht besonders „mogen“.

  • Antworten Alesha Linwell 9. Februar 2015 um 19:15

    Hi Maike,
    Super Rezension, das Buch wandert sofort auf meine Wunschliste. Ich bin ein großer Fan der griechischen Sagen, auch wenn ich sie bisher nur in Nacherzählungen, nicht in Versübersetzungen gelesen habe, und immer interessiert an neuen Perspektiven auf die bekannten Geschichten. Margaret Atwood hat auch ein Buch über Odysseus oder besser gesagt über seine Frau Penelope geschrieben, dass steht auch schon auf meinder Wunschliste, da passt dieses hier wunderbar dazu. ;)
    Liebe Grüße

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