DBC Pierre – Frühstück bei den Borgias

Willkommen im Hotel The Cliff! Dem wohl skurrilsten Ort, an dem man wohl nach einer anstrengenden Reise stranden kann. Frühstück mit den skurrilen Borgias inklusive! Denn dieses Hotel ist Horror pur – zumindest, wenn man zu den Digitaljunkies gehört, wie der Protagonist Ariel Panek, ein 30-jähriger Professor für Informatik. Hier erwarten einem Funklöcher und andere Probleme.

Ich persönlich muss gestehen, dass das hier geschaffene Szenario für mich ebenfalls der Worst-Case wäre: Ohne Möglichkeit zur Außenwelt Kontakt aufzunehmen, zu wissen, dass meine Lieben händeringend auf eine Nachricht von mir warten und nicht mal eben die Mails checken können…. Gruselt es euch da nicht auch?

Eigentlich ist Ariel Panek auf dem Weg zu einer Informatik-Konferenz in Amsterdam. Seine Studentin und heimliche Geliebte Zeva hat extra einen anderen Flug genommen, damit die beiden nicht zusammen gesehen werden. In Amsterdam möchten sich die beiden ein paar schöne Tage machen. Doch nun steht Zeva verloren an einem Brüssler Bahnhof und starrt verzweifelt auf ihr Handy – die ersehnte Nachricht von Ariel bleibt aus und ihr wird bewusst, dass sie vollkommen allein in Europa ist und nicht weiß, wie sie zu ihrem Hotel kommen soll. Sie weiß nicht einmal, welches Hotel Ariel für sie ausgesucht hat. Ihr Handy ist die einzige Verbindung zu ihrem Geliebten. Fatal also, dass Ariel sich plötzlich nach einem gecancelten Flug nach Brüssel in einer britischen Einöde wiederfindet, in der es keinerlei Sendemasten zu geben scheint. Dafür aber ein Hotel voller skurriler Figuren, die den schüchternen Mann laufend aus der Fassung bringen. Doch muss er sich mit den Borges, scherzhaft Borgias genannten Sippe, die das Hotel The Cliff besetzt, gut stellen. Ihr Handy scheint das einzige mit wenigstens etwas Empfang zu sein. Leider endet bereits der erste Abend ziemlich blutig.
DBC Pierre schafft es, das klassische Grusel-Genre der Gothic Novel elegant und humorvoll ins 21. Jahrhundert zu katapultieren. Etwas, was ich mir schon lange gewünscht habe. Man kann in heutigen Zeiten die digitalen Kanäle nicht mehr ausblenden, wenn man eine plausible Geschichte erzählen will. Vernetzungen reichen auf in abgelegene Gebiete, wie ein britisches Hotel auf den Klippen eines Kaffs.
Allein die erste Szene finde ich genial: Statt sich einer profanen Rückblende zu bedienen, lässt er die junge Geliebte des Professors fröstelnd am Bahnhof warten und auf ihr Handy starren. Nervös schaut sie alle paar Sekunden auf den Bildschirm, hofft damit seine Nachricht herbeibeschwören zu können. Ihre unruhigen Finger scrollen durch alte Chatverläufe in WhatsApp und enthüllen uns so die Anfänge ihrer Affäre. Mit dieser Szene ist der Anspruch des Buches bereits definiert: Es werden bekannte und tradierte Erzählstrategien in modernem, manchmal experimentellen Gewand präsentiert, Neues ausgelotet und zugleich Traditionen gepflegt. So könnte die Situation im The Cliffs nicht klassischer, fast klischeehafter sein: Abgeschlossen von der Außenwelt durch dichten Nebel, keine funktionierenden Benachrichtungsmöglichkeiten, jede Menge seltsame Gäste und ein düsteres Personal, das etwas zu verheimlichen scheint. Jedem Fan von klassischem Grusel sollte jedoch hier klar sein, dass DBC Pierre gelungen mit diesen Klischees spielt, Erwartungen schürt und dann mit modernen Blickwinkeln der Handlung mehrfach eine neue Richtung gibt.
Pierre_Frühstück_Borgias_Blumenbar_CoverDieses kurzweilige Buch von 220 Seiten liest sich wie eine unheimlich spannende wie skurrile Filmvorlage, das man kaum aus der Hand legen mag. Nahezu in Echtzeit verbringt man eine unvergessliche Nacht und ein noch bemerkenswertes Frühstück mit den Borgias (Borges) und wird noch eine Weile an dieses Ende denken müssen — dieses Ende!
Sollte Wes Anderson noch nicht wissen, dass bereits auf dem Klappentext damit geworben wird, dass dieses Buch sich wie einer seiner Filme liest, sollte ihn bitte dringend jemand darauf aufmerksam machen. Wes, bitte, dieses Buch ist ein irrer Trip, das ist perfektes Kultfilmmaterial!

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefüllt

Eure Mareike

Weitere begeisterte Stimmen zu dem Buch findet ihr bei:
Primeballerina’s Books
Bücherkaffee
Katherine Verdeen
Read Deep


DBC Pierre – Frühstück bei den Borgias
Verlag: Blumenbar
Gebunden, 220 Seiten, 18,–€

Vorherige Beiträge Nächste Beiträge

Vielleicht gefällt dir auch

4 Kommentare

  • Antworten Britta 25. Mai 2016 um 22:29

    Hab es auch grade erst gelesen. Das Ende ist wirklich krass! Damit hatte ich nicht gerechnet!!

    • Antworten Mareike 25. Mai 2016 um 22:39

      Ja, das stimmt. Ich auch nicht! Es ist so klassisch und doch total überraschend. :)

  • Antworten FM 25. Mai 2016 um 23:25

    DBC Pierre’s debut „Vernon God Little“ was really a great coming-of-age-black-comedy-Americana book (for which he got the Man Booker prize in 2003). But somehow I forgot about him till I read your review. Now I’m really curious about this novel :) Thanks! (Apologies for the English…)

  • Antworten Melanie 24. Juni 2017 um 07:28

    Das Buch klingt richtig gut! Hab vorher noch nie darüber gehört. Wurde vermerkt! Daaanke!

  • Kommentar verfassen

    %d Bloggern gefällt das: