David Nicholls – Drei auf Reisen

David Nicholls, der 2011 mit „Zwei an einem Tag“ einen internationalen Bestseller hinlegte, veröffentlichte nun sein langersehntes neues Buch „Drei auf Reisen“. Natürlich muss sich dieses Werk an seinem vorangegangenen Erfolg messen. Wir durften beim International Book Launch auf der Frankfurter Buchmesse dabei sein. Hier stellte Jörg Thadeuz, bekannter Journalist und Fernsehmoderator, gemeinsam mit David Nicholls das neue Buch vor. In einem sehr angenehmen Gespräch hat es Nicholls mit seiner wirklich britisch charmanten Art geschafft, uns sehr neugierig auf die Geschichte um den Familienvater Douglas und die Familienreise durch Europa zu machen.
NichollsDreiaufReisenGleich zu Beginn erklärt David Nicholls seine Faszination für Europa als das große weite Ausland aus der perspektive des britischen Inselbewohners und zugleich für die Tradition der ‚Grand Tour‘. Im 18.und frühen 19. Jahrhundert war es üblich, dass junge Männer als Übergangsritus zum Mann auf Bildungsprotz durch Europa gingen. Neben Bildung und Kultur ging es dabei natürlich auch um amouröse Erfahrungen, die auf diesen Reisen gesammelt werden sollten.
Eine solche Tour nun im Sinn, möchte der Protagonist von Nicholls neustem Buch eine Reise mit seiner Frau und seinem fast erwachsenen Sohn unternehmen. Dass eine solche Tour früher natürlich nicht mit den Eltern unternommen wurden, ignoriert Douglas. Dass ihm seine Frau direkt vor der Reise auch noch mitteilt, dass sie ihn verlassen möchte, legt einen weiteren Grundstein für das Scheitern des Familienurlaubs.

[lightgrey_box]Über zwanzig Jahre glückliche Ehe, und der Sohn zieht bald aus: der ideale Zeitpunkt für einen Neuanfang, so scheint es Connie. Ganz anders sieht das ihr Ehemann Douglas. Mit anderen Mitteln versucht er, auf der bereits geplanten Reise durch Europa seine Ehe zu retten und seinem Sohn näherzukommen – und muss sich dabei unerwarteten Herausforderungen stellen.[/lightgrey_box]

Gemeinhin thematisieren Bücher die Entstehung von Romantik, der Anfang einer Liebe. Sie enden meist mitten am romantischen Höhepunkt: Das Paar hat sich gefunden und beschlossen sein Leben miteinander zu verbringen. David Nicholls zeigt, dass hier die eigentliche Geschichte erst beginnt: Die Ehe endet nicht mit der Hochzeit und einem einfachen Happy End. Nein, es ist komplexer:

Die Ehe ist keine Ebene. Ganz und gar nicht. Sie ist voller tiefer Schluchten, riesiger gezackter Felsen und verborgener Gletscherspalten, sodass sich beide in der undurchdringlichen Dunkelheit nur tastend zurechtfinden.

Der Autor ist reifer geworden und auch sein aktuelles Werk ist reif und steckt voller Erfahrung. Selbst einige der sehr komischen Szenen sind ihm selbst passiert. So erzählt er uns immer wieder unterbrochen vom eigenen Kichern von einer Begegnung mit brutalen Bikern in Amsterdams Rotlichtmilieu. Er ist dabei so herrlich entspannt und selbstironisch, dass man einfach nur beeindruckt ist. Sehr offen erzählt er von dem Tod seines Vaters, der in der Schaffensphase zu diesem Buch gestorben ist und der schwierigen Beziehung, die hier in leisen Untertönen zu finden ist.
NichollsGrafikBookLaunchDenn neben der Geschichte von Douglas und Connie erzählt das Buch auch von einer schwierigen Vater-Sohn-Verbindung. Nicholls zeichnet Douglas linkische Versuche, Zugang  zu seinem siebzehnjährigen Sohn zu finden. Die Beziehung ist aufgrund ihrer Verschiedenheit zugleich kompliziert und doch irgendwie nur Ausdruck der Ablösung von einem jungen Mann von seiner Familie und vor allem von seinem Vater.
Zwar durchzieht dieses Buch eine Abschiedsstimmung und eine Form von melancholischer Lebensbetrachtung, doch Nicholls behält seinen leichten, mit Lächeln im Mundwinkel geschriebenen Erzählton durchgängig bei. Die Geschichte ist eingängig, die Figuren lebensnah und liebenswert gezeichnet und haben zugleich Ecken und Kanten.
So ist es in der Retrospektive nicht verwunderlich, dass sich bestimmte Streitigkeiten und Probleme durch die gesamte Beziehung von Douglas und Connie ziehen. Betrachtet man gemeinsam mit Douglas die Anfänge und das Kennenlernen, so ist die impulsive Künstlerin Connie, attraktiv, lebenshungrig und selbstbewusst das genaue Gegenbild zum schüchternen Wissenschaftler Douglas, der nur unter Zwang seine gewohnten Bahnen verlässt und sich unter Menschen eher unwohl fühlt.
David Nicholls und Jörg ThadeuszAuf der Reise wird immer wieder deutlich, wie wenig sich Douglas in all den Jahren verändert hat. Für ihn ist Kontrolle und Planung essenziell, seine Frau und auch sein Sohn sind eher impulsive Kunstmenschen, die bei den obligatorischen Museumsbesuchen nicht die offiziell deklarierten Highlights abklappern wollen, sondern einen völlig anderen Zugang zu Kunst haben. Dieser Zugang ist Douglas aber verwehrt, er empfindet keine Begeisterung bei exzessiver Pinselführung, die man durch minutenlanges Betrachten nachvollzieht. Für ihn ist Bildung ein Grundwert, den man sich systematisch aneignen kann, etwas wissenschaftlich Messbares, für seine Frau etwas intuitives. Denkweisen können wohl kaum weiter auseinander liegen und doch wird sind beide nachvollziehbar. Tatsächlich fühlte ich mich Douglas und seinem Sinn für Ordnung oft näher, verstand seine Frau und vor allem die harsche Kritik des Sohnes erst im Nachhinein. Die Figur des Douglas ist so voller liebevoller Wärme gezeichnet, dann man seine Schrullen eher als charmant als als Schwäche empfindet.

Fazit: Die Geschichte erzählt vom drohenden Ende einer Ehe und in der logischen Konsequenz zugleich vom Anfang dieser Beziehung. Und unabhängig von dieser Liebe gibt es noch einen Sohn, der mit Respekt behandelt werden möchte. Ich habe dieses Buch in knapp zwei Tagen durchgelesen und muss sagen: Wow! Es ist brilliant! Ein so reifes, melancholisches und zugleich witziges Buch hatte ich wirklich nicht erwartet.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefüllt

David Nicholls – Drei auf Reisen
Verlag: Kein & Aber
Gebunden, 480 Seiten, 22,90€

Eure Mareike

Rezensionsexemplar, vielen Dank.
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1 Kommentar

  • Antworten Samstag: Vorfreudewoche – KiWi, Kein & Aber und DVA | Herzpotenzial 13. März 2015 um 17:16

    […] Aber ist uns von der Buchmesse Frankfurt noch gut in Erinnerung – schon allein aufgrund der tollen Veranstaltung mit David Nicholls! Da mussten wir natürlich auch einen Blick in die aktuelle Vorschau […]

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