David Garnett – Mann im Zoo

Der Zoo ist ein Ort des Betrachtens und Repräsentierens. Die Tiere in ihren Käfigen stehen nicht nur für sich selbst, sondern für ihre gesamte Rasse. Sie sind mehr als sie selbst und doch sind sie nur willenlose Gefangene, die zwischen den Gitterstäben entlang streifen.
Die zoologische Gesellschaft von London liebt all seine Repräsentanten, die sie aus allen Ecken des in voller Blüte stehenden Empire zusammensucht. Jedes Tier steht für die Macht, die der Menschen, hier im Besonderen der Briten. 

Umso zynischer, dass ausgerechnet ein Exemplar dieser wichtigsten, weil herrschenden Rasse nicht in den Käfigen des Londoner Zoos zu finden ist. Doch an einem Tag erhält die zoologische Gesellschaft Besuch von einem jungen Schotten, der sich ihr als Ausstellungsstück anbietet.
Das ist die spannende Grundidee, auf der dieser kurze Roman von David Garnett basiert. Dieses eher unbekannte Mitglied des berühmten Bloomsbury Kreises (eine Schriftsteller-Gruppe um Virginia Woolf) hat mich bereits im vergangenen Jahr mit einer wundervollen Fabel über ein junges Liebespaar begeistern können, das getrennt wird, weil sich die Frau in einen Fuchs verwandelt: Dame zu Fuchs ist ein Geheimtipp. Die Geschichte über das Wesen der Liebe, das sich auch über Rassen hinweg zwar ändert, aber nicht abreißt, ist wahrlich eine kleine literarische Perle. Ich lege sie euch nach wie vor sehr ans Herz.
Die neue Übersetzung von Mann im Zoo wendet sich nun völlig vom Fabelhaften ab und einem auf realen Ereignissen beruhenden Thema zu. Die Geschichte über den Mann im Zoo scheint zumindest in Teilen zu stimmen, hier handelt es sich um eine literarische Ausgestaltung. Im Netz bin ich leider nur über wenige Informationen zu diesem Ereignis gestoßen. Jedoch liegt der literarische Genuss hier eindeutig in der sprachlichen Feinheit von David Garnett.

John Cromatie und Josephine Lackett sind ein Liebespaar mit aufbrausender Natur. Sie streiten und diskutieren häufig. Auch beim Besuch des Zoos gibt es einen Disput über das Wesen der Liebe und welche Konsequenzen sie beide daraus ziehen sollten.
Die Diskussion schaukelt sich hoch und endet ziemlich überraschend in der Auflösung der Verlobung und dem Entschluss Cromaties, sich selbst dem Zoo zu schenken – als Ausstellungsstück.
Die Handlung ist dicht und die Ereignisse scheinen sich oft zu überschlagen, sodass diese Erzählung mit wenigen Seiten auskommt, um die rasante Geschichte zu erzählen. Cromatie erhält im Affenhaus ein hübsch eingerichtetes Zimmer im öffentlichen Bereich und einen dezenten Hinterraum, in dem sich Schlaf- und Badezimmer befinden. Ansonsten wird er genauso behandelt wie die übrigen Tiere. Er ist umgeben von Gitterstäben und getrennt durch Drahtzäune von einem Schimpansen und einer Orang-Utan-Dame. Die beiden benachbart lebenden Affen freuen sich nicht über den neuen menschlichen Mitbewohner. Neidisch, manchmal fast verzweifelt müssen sie mitansehen, wie all die Neugierde und Aufmerksamkeit der Besucher nun nicht mehr ihnen gilt. Cromaties Einzug in den Zoo erregt großes öffentliches Aufsehen und polarisiert stark. Kein Wunder also, dass der Zoo alles versucht, um diese Begeisterung zu halten. Josephine erfährt aus der Zeitung, dass ihr ehemaliger Verlobter seine Drohung wahr gemacht hat und ist bestürzt darüber. Doch ob sie ihren Stolz überwinden kann, um ihn im Affenhaus zu besuchen, bleibt lange ungewiss.

Auffällig ist, dass sich die beiden Protagonisten sehr emotional, sprunghaft und stets von spontanen Regungen leiten lassen. Aus einer Laune heraus lässt sich Cromatie lebenslang in einen Käfig sperren, gibt all seine Rechte und sein bisheriges Leben – alles – auf. Sie steht dem jedoch in nichts nach und erklärt ihm ihre Liebe, nur um im nächsten Moment für immer mit ihm zu brechen.
Die Tierdarstellungen wirken an vielen Stellen da zuweilen menschlicher als die tierhaften Verliebten. Sie reagieren alle zunächst vorsichtig und überlegt. Jede Regung, Abneigung oder Zuneigung, baut sich langsam und für den Leser völlig logisch auf. Es ist in diesem Roman stets der Mensch, der mit seinen Entscheidungen und Reaktionen für Verwirrung sort.
So fragt man sich stets, wer hier nun eigentlich das Tier ist. Genau das macht diese kleine Erzählung zu einem sehr lesenswerten Vergnügen.

Eure Mareike


David Garnett – Mann im Zoo
Deutsch von Maria Hummitzsch
Verlag: Dörlemann
Gebunden, 156 Seiten, 12,99 €

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2 Kommentare

  • Antworten Sabrina 27. Januar 2017 um 21:24

    Hallo!
    Eigentlich ist ja alleine das Grundkonzept eines Zoos reine Quälerei. Tiere in viel zu kleine Käfig zu sperren, in völlig ungewohnter Umgebung… und das alles nur damit wir Menschen ein bisschen Unterhaltung bekommen :(
    Spannende Idee einfach auch mal einen Menschen in den Zoo zu sperren.
    Liebe Grüße
    Sabrina

    • Antworten Mareike 27. Januar 2017 um 21:30

      Ich gehe auch aus Prinzip kaum in Zoos und halte da nichts von, aber das hätte in der Besprechung zu weit geführt.
      Lg Mareike

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