David Garnett – Dame zu Fuchs

David Garnett – ein Mitglied der berühmten, britischen Künstlergruppe der Bloomsbury Group, zählt zu den eher weniger bekannten Mitgliedern. Neben Größen wie Virginia Woolf und E. M. Forster, erscheint Garnett mit seinem schmalen Werk fast unbedeutend, doch umso schöner, dass es jetzt seinen Roman „Dame zu Fuchs“ in frischer, sehr moderner Aufmachung vom Dörlemann Verlag gibt.

Ein junges, verliebtes Ehepaar lebt im ländlichen Oxfordshire. Doch ihr schlichtes Glück findet eines Tages ein überraschendes Ende, denn die junge Mrs. Tebricks verwandelt sich während eines Waldspaziergangs in eine Fähe. Ihr Mann ist zugleich bestürzt und doch unerschütterlich davon überzeugt, in den Augen des Fuchses seine Frau wiederzukennen. Doch es bleibt ihm auch keine Zeit zur Besinnung, denn in diesem Moment nähern sich die Hunde einer Jagdgesellschaft. Wieder in ihrem Anwesen angekommen, zieht er sich mit seiner verwandelten Frau in vollständig zurück. Er entlässt alle Angestellten, alle Tiere werden fortgeschafft.
Von nun an kümmert er sich allein und voller Hingabe um die Pflege seiner Ehefrau. Er wäscht sie und hilft ihr in behelfsmäßige Capes oder Blusen, damit sie sich ihrer füchsischen Nacktheit nicht schämen braucht. Sie können sich mit Blicken und Gesten verständigen und sogar Kartenspielen gelingt ihnen als Zeitvertreib. Sie sind glücklich in ihrer ungewöhnlichen Art der Zweisamkeit.
Doch nach einiger Zeit bemerkt der liebende Ehemann Veränderungen im Verhalten seiner Fähre. Ihre Instinkte werden stärker und sie scheint ihm geistig zu entgleiten. Mit Faszination beobachtet man seine Prüfungen, Experimente und schließlich Kompromisse, um die menschliche Seite seiner Frau nicht zu verlieren.

Garnett_Dame_zu_fuchs_Insta02Das Thema könnte fantastischer kaum sein und doch gelingt es dem Autor mit seiner klaren, geradlinigen Erzählweise, genügend Glaubwürdigkeit und Ernst in die Handlung zu bringen. Sodass man sich gar nicht näher fragt, warum und auf welche Weise sich die junge Silvia eines Tages ohne Vorwarnung in einen Fuchs verwandeln konnte. Ohne Umschweife beginnt dieser an eine Novelle erinnernde kurze und knappe Roman mit genau diesem Ereignis. Der  an einen alten Geschichtenerzähler erinnernde Erzähler beginnt genau an dem Punkt der Verwandlung seine Geschichte. Er beteuert immer wieder die Richtigkeit und Authentizität seines Berichts. Eher vage deutet er eine Anekdote aus ihrer Familiengeschichte an. Ihren Mädchennamen Fox solle es nicht ohne Grund in der Familie geben. Außerdem gibt es Erinnerungen an einen zahmen Fuchs vor einigen Generationen auf dem Anwesen ihrer Eltern. Doch insgesamt hält sich der Erzähler vornehm zurück – überlässt es der Fantasie des Lesers nach einer Erklärung für die Verwandlung zu suchen.
Doch ähnlich wie bei Kafka ist die Ursache weitaus weniger wichtig als die soziale Auswirkung der Verwandlung. Dies ist eine Geschichte über Liebe. Eine Liebe, die über die Grenzen des Verstandes und der Menschheit hinausgeht. Sie ist eine Verbindung, die weit über das Körperliche hinausgeht.

Garnett-Fuchs-original-uc.inddGarnett wagt ein spannendes Gedankenexperiment. Nach und nach erweitert er die Perspektive des jungen Mr. Tebricks. Seine Sensibilität für die Gefahren des Lebens im Wald, die Brutalität der Fuchsjagd – die ein reines Vergnügungstöten von Füchsen ist, werden ihm mit der Liebe zu einer Fähre langsam bewusst. Ihm bleibt somit nur der Ausweg in die Abgeschiedenheit und – das ist das bemerkenswerteste an diesem Roman – in das Häusliche. Hier ist der Mann der wartende, treue, fürsorgliche Part. Eine eher ungewöhnliche Rolle für einen Mann im Jahr 1922. Allein wegen dieser vorbehaltlosen Liebesgeschichte, abseits von tradierten Rollenbildern ist dieser schmale Roman absolut empfehlenswert. Er scheint mir sogar enorm aktuell, eben weil er viele Faktoren von modernen Beziehungen streift, die man vielleicht vor 100 Jahren nur in einer fantastischen Erzählung greifbar machen konnte.

Fazit


Ein zeitloser Roman mit einem Hauch Fantasy, über die Frage, wie lange man seinem Partner treu bleiben kann. Ernsthaft und mit einer britischen Vornehmheit erschafft David Garnett einen außergewöhnlichen und zugleich weitaus charmanteren Gegenentwurf zu Kafkas „Die Verwandlung“.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefüllt

 Eure Mareike


David Garnett – Dame zu Fuchs
Verlag: Dörlemann
Neuübersetzung von Maria Hummitzsch
Gebunden, 160 Seiten, 17 Euro

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1 Kommentar

  • Antworten Unfassbar – David Garnett “Dame zu Fuchs” | Zeichen und Zeiten 30. Januar 2016 um 14:48

    […] Weitere Rezensionen erschienen auf den Blogs literaturen.de und Herzpotenzial.  […]

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