Claire Fuller – Eine englische Ehe

Als wir im Herbst/Winter des vergangenen Jahres unsere Vorschaulisten zusammengestellt haben, landete sehr schnell ein Buch auf unserer gemeinsamen Liste: Allein das Cover von „Eine englische Ehe“ lässt uns beide begeistert seufzen. Die Handlung ihres zweiten Romans hat Claire Fuller dann auch noch so angelegt, das uns beiden bereits in der Vorschau klar war, dass es auf Herzpotenzial landen würde.

Warum? Nun, es erzählt die gescheiterte Familiengeschichte eines Literaturprofessors, der seine damalige Studentin erst schwängert und dann heiratet. Nach zwei Töchtern und Eingen Jahren liebloser Ehe, Betrug und Verrat, verschwindet die einst so vielversprechende Ingrid aus ihrem beengten Leben auf dem Land. Sie verlässt nicht nur ihren Mann, sondern auch die beiden Mädchen  – für alle kommt dieser Schritt überraschend. Sie ahnen nicht, dass Ingrid viele schlaflose Nächte – während sie auf ihren Mann Gil wartete – damit verbrachte, ihm Briefe zu schreiben. In diesen erzählt sie die Geschichte ihres Kennenlernens, von ihrer Liebe und ihren Problemen. Was sie sich nicht traut – oder vermutlich längst aufgegeben hat zu erklären, schreibt sie nun in Briefen an die frühere Version von Gil nieder. Doch statt ihm die Briefe zu geben, versteckt sie sie in seiner großen Bibliothek. Als Literaturprofessor ist Gil ein begeisterter Büchersammler und hortet in allen Ecken des Hauses Bücher.
Spätestens an dieser Stelle war es um mich geschehen: Das schöne, ruhige Landhaus voller Bücher: Wir durch alle Räume verteilt und in ihnen ein Geheimnis. Die Vorstellung finde ich ungemein reizvoll. Doch leider bleibt das Buch an einigen Stellen hinter meinen – zugegeben sehr hohen – Erwartungen etwas zurück.
Man verfolgt die Geschichte aus zwei Perspektiven: Zum Einen aus der Sicht von Ingrid, indem man nach und nach ihre Briefe liest. Zum Anderen folgt man ihrer jüngeren Tochter Flora – inzwischen selbst erwachsen – bei der Erinnerung an ihre Kindheit. Sie kehrt nach Jahren in das Landhaus zurück, um ihren alten Vater zu pflegen, der schwer gestürzt ist. Er glaube, Ingrid in der Stadt gesehen zu haben und fällt schwer bei ihrer Verfolgung. Flora muss sich ihrem Bild von ihren Eltern stellen, das sehr von dem ihrer Schwester abweicht. Während diese bereits 14 war, als die Mutter verschwand, war Flora noch ein kleines Mädchen. Sie vergötterte ihren Vater und hat keinerlei Verständnis für das Verschwinden ihrer Mutter. Ihre ältere Schwester, die dazu gezwungen war, selbst in die Mutterrolle für die kleinere zu schlüpfen, hat aus ganz anderen Gründen einen Groll auf die vermeintliche Rabenmutter.
Die beiden Geschichten nähern sich immer wieder an, streifen sich, doch im Endeffekt berühren sie sich nur zart. Das Ende ist nicht das, was man erwartet: Was zum Einen sehr gut ist, zum anderen aber auch lange nachhallt.
Vermutlich hat Claire Fuller mit ihrem Stil und der gewählten Form perfekt das Gefühl des Schwebezustandes eingefangen, in dem sich alle Figuren befinden. Ingrid ist in ihren Briefen noch unentschlossen, wo es für sie hingeht. Und ihre Familie fragt sich Jahre später, ob sie noch am Leben ist und falls ja, wo sie geblieben ist.

Fazit

Für den Leser entspannt sich ein sehr vielschichtiges Familienpanorama voller Betrug, Lügen, Sehnsucht und Suche nach Liebe.
Wer damit klar kommt, dass im Leben nicht alle Fragen beantwortet werden, dem sei dieses Buch herzlich empfohlen. Hier findet man mehrere Wahrheiten, aber ist das im Leben nicht oft so?

Eure Mareike


Claire Fuller – Eine englische Ehe
Verlag: Piper
Gebunden, 368 Seiten, ca. 22 Euro

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