Christopher Isherwood – A Single Man

Ich habe die Verfilmung „A Single Man“ von Richard Ford aus dem Jahr 2009 mit Colin Firth und Julianne Moore gesehen und war begeistert von der Intensität der Erzählweise. Ford gelingt es in seiner doch sehr freien Adaption die dichte Atmosphäre und die Hoffnungslosigkeit aus diesem Roman in Bilder zu übertragen. Nun ist eine Neuübersetzung der literarischen Vorlage aus dem Jahr 1964 unter – zum Glück – dem Originaltitel bei Hoffmann und Campe erschienen.

[lightgrey_box]Jim ist tot, und ohne Jim ist alles nichts. George, 58, Literaturprofessor in einer kalifornischen Kleinstadt kann den Verlust seines Partners nicht verwinden. Sein Leben ist bloß noch Routine, und vor ihm liegt ein Tag wie jeder andere. Doch eine nächtliche Begegnung mit einem Studenten bringt seine Welt durcheinander…[/lightgrey_box]

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Kann ein Cover treffender ein Buch beschreiben? Was sieht man hier auf diesem Umschlag? Einen Mann mit Brille und Anzug. Konservativ, die Krawatte und Brille erinnern an die 60er Jahre. Alles ist in Schwarz gehalten und der Hintergrund wirkt eher trist.  Man sieht gleichzeitig aber auch eben keinen Mann, sondern nur seine Kleidung, seine Erscheinung. Und genau darum geht es in diesem Buch: George ist eigentlich unsichtbar. Er ist zwar da, repräsentiert nach Außen einen eleganten, reifen Herren, gebildet und mit Geschmack. Er ist durch und durch distinguierter Brite. Doch was in seinem Inneren vorgeht, bleibt für seine Umgebung verborgen.
Dieser Roman, der schon fast eher eine Novelle ist, beschreibt das Leben von George an einem Tag in seinem Leben. Man steht morgens mit ihm auf, betrachtet ihn, wie er versucht die Kraft zum Aufstehen zu finden. Man sieht ihn die Treppe hinuntersteigen, wie sein Blick durch sein kleines, hübsches Haus streift und ihn fast jeder Gegenstand an seine große Liebe Jim erinnert. Jim ist tot und man hat das Gefühl, als ob in Georges Nähe nur eine dumpfe Taubheit zu spüren ist. Als wäre er von einem wattigen Nebel umgeben, der zwar den Schmerz ein wenig dämpft, doch ihn zugleich von seiner Umgebung trennt.
Es ist eine Geschichte von Einsamkeit und Sehnsucht. Die Sehnsucht eines 58-jährigen Homosexuellen, der ein auffällig konservatives, strukturiertes Leben führt. Isherwood schafft es, diese Geschichte schlicht, manchmal fast sachlich zu erzählen und vermeidet dabei jede Form von Rührigkeit, Pathos oder Glorifizierung. Er erzählt die Geschichte eines Zurückgebliebenen, der sich jeden einzelnen Tag aufs Neue stellen muss.
Der beschauliche Vorort von Los Angeles, die Schnellstraße, die George so zügig zu seinem Arbeitsplatz bringt, selbst sein Büro in der Universität erscheinen wie schöne Kulissen, durch die George automatisiert hindurch schreitet. Es war Jim, der den Kontakt zur Nachbarschaft hergestellt hat und für den er schnell abends von der Arbeit heim kam. Doch ohne ihn erscheinen diese Errungenschaften glanzlos, seine Arbeit reiner Automatismus. Selbst die Art, wie er seine Vorträge führt sind durchzogen von über die Jahre eingeschliffenen Mustern. Dabei ist es interessant, wie es Isherwood gelingt das äußere Geschehen durch Georges Gedankengänge zu kommentieren und ihnen eine neue Ebene zu geben. Wie beiläufig zeigt Isherwood dabei kommunikative Prozesse und tägliche Machtspiele auf, die sich in jedem Gespräch, in jeder Geste zeigen. Doch man merkt auch die Müdigkeit, die der Protagonist empfindet, wenn er das Miteinander der anderen analysiert. Es war der lebhafte, jüngere Jim, sein Gegenpol, der ihn aus seinem täglichen Trott, aus seiner sehr analytischen und kritischen Gedankenwelt herausholen konnte. An manchen Stellen erscheint einem das fast roboterhafte Verhalten Georges etwas befremdlich, doch im nächsten Moment spürt man den Einfluss des verstorbenen Partners in ihm und er stürzt sich jungenhaft in die eisigen Wellen. Dann bricht die ungeheure Sehnsucht nach Leben und der Liebe aus ihm heraus und er gibt seine Fassade einen Moment auf. Es ist dabei nicht verwunderlich, dass er dafür seinen eleganten Anzug achtlos in den Sand wirft und erst dann er selbst wird, erst dann tatsächlich sichtbar wird.
Fazit: Die Neuübersetzung dieser zeitlosen und eleganten Geschichte war dringend notwendig, denn dieses Buch sollte auf keinen Fall in Vergessenheit geraten. Isherwood gelingt es den Kern von Sehnsucht und Verlust schnörkellos und zugleich bewegend einzufangen.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefüllt

Eure Mareike

Christopher Isherwood – A Single Man 
Verlag: Hoffmann&Campe
Gebunden, 160 Seiten, 18 €

Rezensionsexemplar, vielen Dank.
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2 Kommentare

  • Antworten Anna 10. November 2014 um 16:52

    Vielen Dank für die wunderschöne Rezension! Es hat mir sehr gut gefallen, wie Du mit dem Cover eingefangen hast und dann die verschiedene Ebene, die der Autor im Buch realisieren wollte, beschreibst. Es ist immer ein ganz besonderes Erlebnis, Deine Rezensionen zu lesen!

    • Antworten Mareike 10. November 2014 um 20:39

      Liebe Anna,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Es freut mich, dass dir meine Rezensionen gefallen und sie für dich hilfreich sind :)
      Liebe Grüße
      Mareike

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