Catalin Dorian Florescu – Der Mann, der das Glück bringt

New York um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert: Was für eine laute, stinkende und brutale Welt. Jeden Tag sieht man die Überseeschiffe neue Einwanderer in die hastig wachsende Metropole schwemmen. Gleichzeitig sieht man jeden Tag andere Schiffe die unzähligen Toten aus der Stadt nach Hart’s Island, der Insel mit dem gewaltigen Armenfriedhof bringen. Hier treffen die beiden Extreme auf dem Hudson River aufeinander: Die Träume und das Scheitern, das New York zugleich bedeutete und antrieb. In dieser Geschäftigkeit wächst ein zunächst namenloser Waise auf. Er treibt sich mit den anderen Straßenjungen in den finsteren und ärmlichen Gebieten New Yorks herum. Verkauft Zeitungen, hilft beim Löschen der Ladungen am Hafen oder erledigt Botengänge für zwielichtige Unternehmer. Fragt man ihm nach seinem Namen, reagiert er geschickt: Einem Mann aus dem italienischen Viertel antwortet er Pascale, einem Iren Paddy und einem Juden Berl. Er weiß sich anzupassen, erfüllt die Sehnsüchte nach Gemeinsamkeiten und einer ähnlichen Abstammung.
Das ist New York: Geschichten und Ambitionen zählen hier alles, doch ohne eine Gemeinschaft hat man es nicht leicht. Das spürt der junge Mann immer wieder am eigenen Leib.
Etwas später, auf der anderen Seite des Ozeans im rumänischen Delta der Donau erblickt ein kleines Mädchen das Licht der Welt: Elena. Doch ihr junges Leben steht unter keinem guten Stern: Die Dorfbewohner halten sie für verflucht, denn ihre Mutter hatte so viele Fehlgeburten, dass wohl der Teufel nicht weit sein kann.
Unterschiedlicher könnten zwei Lebensräume kaum sein. Auf der einen Seite die pulsierende Großstadt, in der ständig Platzmangel und Krankheit herrscht, auf der anderen ein Flecken fast unberührter Natur, ein ruhiges Dorf voller abergläubiger Fischer. Doch beide Kinder verbindet einiges: beide sind bettelarm, der Hunger ist ihr ständiger Begleiter, sie leben abseits der Gesellschaft, sind also ständig auf der Hut. Aber vor allem: Sie sehnen sich nach Akzeptanz und Diazugehörigkeit. Sie träumen von einem besseren Leben – sie suchen das Glück.

Catalin_Dorian_Florescu_Man_Glueck_Herzpotenzial_InstaCatalin Dorian Florescu erzählt in seinem vielschichtigen Gesellschaftsroman aus der Perspektive von Figuren, die sich am Rande der Gesellschaft bewegen. So zeigt er deren düsteren Seiten auf, aber auch den reinen Antrieb und die Mechanismen dieser Gemeinschaften. Über zwei bzw. drei Generationen hinweg begleiten wir die Geschichte des Waisen, der sich irgendwann endgültig Berl nennt und von Elena, die kaum mehr als ihren Namen an die nachkommende Generation weitergeben kann. Es sind die Kinder, die sich in einer Bar in New York treffen und sich gegenseitig von den Vorfahren erzählen. Die in leuchtenden Farben, mit Eleganz und in ausufernden Bildern von den Verheißungen der vergangenen Zeiten erzählen.
Doch dieser Kniff, dieses Erzählen aus der Distanz wird gerade bei Berl und seinen New Yorker Geschichten eine Distanz geschaffen, die die Unmittelbarkeit und Lebendigkeit des Straßenlebens des frühen New Yorks etwas dämpft. Gerade, wenn man den Vergleich zu dem ausgezeichneten und unverwechselbaren Erzählstil von „Die Königin der Orchard Street“ von Susan Jane Gilman zieht, wirkt die raue Welt fast ein wenig gedämpft. Nicht zuletzt, weil sich der Autor nicht selten in einem belanglosen Plauderton voller Anekdoten und Details verliert, dass man manchmal einen langen Atem beweisen muss, bis ein Erzählstrang oder ein Gedanke wieder aufgenommen wird.

Fazit


Ein erzählerisches Fest, das über einen sehr langen Bogen die Leben zweier sehr unterschiedlicher Familien miteinander verbindet. Mit einer enormen Sprachgewalt wird besonders das New York des frühen 20. Jahrhunderts wieder lebendig. Leider verliert sich Florescu teilweise in seinen breiten Bildern, seinen Anekdoten und Hintergrundinformationen und verliert dabei den Erzählfluss etwas aus dem Blick.

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Eure Mareike
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Catalin Dorian Florescu – Der Mann, der das Glück bringt
Verlag: C.H.Beck
Gebunden, 327 Seiten, 19,95 Euro

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3 Kommentare

  • Antworten Gérard Otremba 14. März 2016 um 22:03

    Mit der Lektüre dieses Romans habe ich gestern begonnen, wird also noch etwas dauern, bis die Besprechung auf Sounds & Books erscheint. Es grüßt huldvoll, euer Gérard

    • Antworten Mareike 14. März 2016 um 22:04

      Ich erwarte sie mit Spannung :)
      Mareike

  • Antworten Mariki 15. März 2016 um 12:15

    Liked it very much!
    Wobei „Jacob beschließt zu sterben“ einfach NOCH besser war.

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