Brian Morton – Das Leben der Florence Gordon

Florence Gordon ist furchteinflößend. Die New Yorker Intellektuelle und Feministin zeigt dies bereits zu Beginn dieses unterhaltsamen wie hellsichtigen Romans eindrücklich: Ihre Familie und Freunde haben eine Überraschungsparty zu ihrem Geburtstag geplant. Unter einem leicht dramatischen Vorwand wird sie von ihrem Schreibtisch in ein Restaurant gelockt. Überraschung! All die Menschen erwarten eine freudig überraschte, vielleicht verlegene Florence, doch sie werden leider enttäuscht. Die rüstige Dame ist höchst erbost, dass man sie so überrumpelt hat, sie gegen ihren Willen zu einer Party zwingen will und ihr Menschen vorsetzt, die sie selbst vielleicht gar nicht an ihrem Geburtstag eingeladen hätte. So wünscht sie allen noch eine nette Feier und verschwindet wieder in ihre Wohnung – zurück zu ihrem Schreibtisch, zu ihrem aktuellen Buch, ihrem Lebenswerk.  Nun kann man sich fragen, ob diese Frau wirklich unberechenbar ist – Freunde und ihre engste Familie mit Absicht ständig vor den Kopf stößt oder aber einfach konsequent ist. Seit den 60er Jahren wendet sie sich gegen viele typische gesellschaftliche Konventionen, hat sich intensiv für den Feminismus eingesetzt, aber auch sonst für Friedens- und Umweltbewegungen demonstriert. Sie hat ihr ganzes Leben für den Kampf gegen Machtspielchen, gegen typische Machtdemonstrationen von Männern gelebt und dem vieles geopfert. Unter anderem ein klassisches Familienleben. Ihr Sohn und ihr Ex-Mann sind ihr inzwischen ziemlich fremd. Was daran liegt, dass sie ihre hohen Maßstäbe nicht nur bei sich selbst, sondern auch bei anderen unbarmherzig ansetzt: Für sie sind beide Männer (, die ja eh schon durch das System privilegierter sind als sie), Nichtsnutze, Florence hat nur wenig Respekt vor ihnen. Aber auch ihre Schwiegertochter, eine Psychotherapeutin, ist für sie nicht wirklich ernst zu nehmen. Kein Wunder also, dass bei so vernichtenden Urteilen ein Gespräch mit ihr schnell zum Verhör, zum Test wird. Dass ausgerechnet die massiv spätpubertierende Enkelin Emily die Tests ihrer kritischen Großmutter immer häufiger besteht, überrascht alle.
Emily soll Florence als Assistentin unterstützen, als diese nach einem grandiosen Artikel in der New York Times plötzlich eine intellektuelle Berühmtheit zu sein scheint. Alle interessieren sich plötzlich für das Jahrzehntelang verkannte Genie und wollen Interviews und Unterstützung für ihre eigenen Projekte. Damit ihr eigener Roman nicht in dem Trubel untergeht, benötigt Florence die Unterstützung ihrer Enkelin. Diese ist natürlich nur mäßig angetan von dem Gedanken, ständig ihrer herrischen Großmutter zu zuarbeiten, doch ihren Eltern zuliebe lässt sie sich darauf ein.
Es entwickelt sich eine zarte Freundschaft zwischen den Frauen und Emily erfährt während ihrer Recherchegänge Überraschendes über ihre scheinbar unerbittliche Großmutter. Sie beginnt sich für den Feminismus und dessen Entwicklung zu interessieren, während Florence einsehen muss, dass für Emily Vieles selbstverständlich ist, für das sie selbst viel riskieren und aufgeben musste.

Brian_Morton_Leben_FlorenceGordon_Instagram02In dem Roman von Brian Morton treffen nicht nur mehrere Generationen einer Familie aufeinander, sondern auch mehrere Auffassungen und Entwicklungsstadien der Feminismusdebatte. Wer aufmerksam liest, wird viele Anspielungen auf Susan Sontag oder aber auch Lena Dunham finden. Klassische Konzepte wie moderne Interpretationen einer mehrere Generationen andauernden Bewegung werden elegant, behutsam und mit einem sehr amüsanten Ton zu einem überraschend kurzweiligen Roman verwoben – von einem Mann. Ich muss ja sagen, dass ich allein die Tatsache, dass ein männlicher Schriftsteller sich ohne Groll oder Zynismus einem derart vorurteilsbehaftetem Sujet zuwendet, enorm bewundere.
Dass ihm dies auch noch mit Leichtigkeit und Witz gelingt, macht dieses Buch zu einer echten Empfehlung.

Fazit


Wer eine charmante, manchmal etwas raue (Florence ist wirklich nicht immer leicht) Familiengeschichte mit Einblick in die aktuelle New Yorker Intellektuellenszene lesen möchte, der sollte zu diesem Buch greifen. Für alle anderen: Lest es trotzdem, es ist toll.

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Eure Mareike

Bei Sundaystephie findet ihr eine weitere Besprechung. Solltet ihr aber so verliebt in das Cover sein, wie ich, dann könnt ihr euch das Motiv davon als Poster kaufen.


Brian Morton – Das Leben der Florence Gordon
Verlag: Insel
Gebunden, 334 Seiten, 21,95 €

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1 Kommentar

  • Antworten Monatsrückblick | Mai 2016 - Tasmetu 31. Mai 2016 um 07:34

    […] richtig schöne Rezension zu „Das Leben des Florence Gordon“ gabs bei Herzpotenzial […]

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