Bettina Baltschev – Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur

Damals, in grauer Vorzeit, habe ich Literaturwissenschaften studiert. Meine Uni hatte eine sehr gut sortierte Uni-Bibliothek, die ich sehr intensiv nutzte, um neben der Forschungsliteratur auch ab und an in wunderschönen alten Romanen zu stöbern. Nicht immer war das für mein Studium wichtig, aber ganz sicher immer für mich und mein Literaturherz. So kam es, dass ich mich auch mit Exilliteraten beschäftigte. Besonders Vicki Baum, Jakob Wassermann und Irmgard Keun hatten es mir angetan. Auffällig war, dass die Ausgaben unserer Bibliothek alles Erstauflagen aus den 30er und 40er Jahren waren. Herausgegeben in einem Amsterdamer Verlag, von dem ich – oh Wunder – noch nie gehört hatte: dem Querido Verlag. 

Mir erschien es damals absolut logisch, dass die Bücher der Exilanten in anderen Ländern erschienen waren. Ein deutscher Verlag konnte sie natürlich nicht verlegen. Doch welche Geschichte dahinter steckte, hat mich in den letzten Wochen unheimlich gefesselt und in mir die Lust geweckt, all die Bücher dieser aufwühlenden Epoche erneut und systematisch zu lesen. Dies verdanke ich dem unheimlich intelligenten Werk von Bettina Baltschev. In ihrem im Berenberg Verlag erschienen erzählenden Sachbuch „Hölle und Paradies. Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur“ setzt sie diesem bemerkenswerten Verlagsprojekt und nicht zuletzt dem verlegerischen Leiter Fritz Landshoff ein Denkmal.
In zehn Stationen durch Amsterdam und die Niederlande berichtet sie mehr oder weniger chronologisch von der kurzen, aber prägenden Verlagsgeschichte des Querido Verlags. Wir begleiten die Journalistin und Kulturwissenschaftlerin auf ihrer Reise an die Orte, an der sich Landshoff mit Emanuel Querido traf und spontan das waghalsige Projekt eines Exilverlags zu gründen beschloss. Sie beschreibt uns die Räume, in denen sich die entwurzelten Schriftsteller trafen, feierten, liebten und bis zur Besinnungslosigkeit ihren Kummer im Alkohol ertränkten. Sie zieht verschiedenste Quellen zu Rate: Tagebücher, Briefe, Forschungsliteratur, historische Quellen, alte Bilder und natürlich auch die bei Querido erschienenen Romane selbst. Besonders diese Ausschnitte webt sie geschickt und unheimlich anschaulich in ihre Erläuterungen ein. Wenige Sätze aus Keuns „Kinder aller Länder“ vermitteln ein unmittelbares Gefühl der Zerrissenheit, unter der wohl alle der ins Exil getriebenen Schriftsteller gelitten haben müssen. Sie waren Flüchtlinge ohne gutes Einkommen, schließlich fiel ein Großteil der deutschsprachigen Leserschaft weg, und in anderen Ländern waren deutsche Autoren – verständlicherweise – zu diesem Zeitpunkt nicht allzu beliebt. Die Autoren und auch der Querido Verlag hatten somit zwar alle Freiheiten, waren aber zugleich einer ständigen politischen wie finanziellen Bedrohung ausgesetzt – eine Situation, an der einige Freundschaften und später sogar Lebenswillen zerbrachen.

 

Fazit


Bettina Baltschev hat mit diesem Sachbuch ein wundervolles Stück Zeitgeschichte eingefangen, das sich liest wie ein Reisebericht in die Vergangenheit. Ich kann diese gut 150 Seiten geballten Wissens nur jedem ans Herz legen, der sich für die Zeit und ihre Exilautoren interessiert. Wer Ostende von Volker Weidermann gern gelesen hat, sollte unbedingt auch in dieses Buch einen Blick werfen.

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Eure Mareike


Bettina Baltschev – Hölle und Paradies. Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur
Verlag: Berenberg Verlag
Gebunden,

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2 Kommentare

  • Antworten Sounds and Books 5. November 2016 um 08:41

    Sehr schön, demnächst auch bei Sounds & Books. Liebe Grüße, Gérard

  • Antworten Die Vorleser 5. November 2016 um 16:18

    Danke für die tolle Besprechung. Das Buch werde ich mir auch kaufen, denn ich mag die von dir genannten Autoren/innen und natürlich noch Joseph Roth und Stefan Zweig und viele andere. Und Oostende 1936 von Volker Weidemann passt super dazu. Es wäre schön, wenn du dein Vorhaben umsetzt und über die Autoren/Bücher schreiben würdest.
    Liebe Grüße von Gisela von dievorleser.blogspot.de

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