Bernhard Schlink – Die Frau auf der Treppe

[lightgrey_box]Ein berühmtes Bild, Jahrzehnte verschollen, taucht plötzlich wieder auf. Überraschend für die Kunstwelt, verwirrend für den Mann, der damals als junger Rechtsanwalt in den Konflikt des Malers mit dem Eigentümer verstrickt wurde. Und der sich dabei in die Frau, die auf dem Bild dargestellt ist, verliebt hat. Er macht sich auf die Suche nach ihr und findet nicht nur Antworten auf ihr damaliges Verhalten und rätselhaftes Verschwinden. Er muss sich auch den Fragen über sich selbst stellen, denen er sich immer verweigert hat. Die Schauplätze: Frankfurt am Main, Sydney und eine unwegsame Bucht an der australischen Küste. Ein Roman über Rechthaben und Mitleiden, Besitz und Verlust, echte und falsche Nähe. Über einen Mann, der die Verfestigungen seines Lebens zu begreifen beginnt. Und über das Glück einer Liebe, die um ihre Endlichkeit weiß.[/lightgrey_box]

Maike
Bernhard Schlink ist einer dieser Autoren, denen ich viel zu wenig Beachtung schenke. Nach „Der Vorleser“ ist dieses Buch erst das zweite, das ich von ihm lese. Und wie auch schon beim letzten Mal bin ich wieder unglaublich begeistert (und nehme mir vor, auch in seine anderen Bücher einen Blick zu werfen…).

Schlink widmet sich in „Die Frau auf der Treppe“ großen Themen wie Recht, Macht, Besitz und Liebe auf eine einzigartige und geradezu zärtliche Art und Weise. Seine Sprache ist ruhig und unaufgeregt, obwohl man bei den behandelten Themen etwas ganz anderes erwartet. Und dann, als ich gar nicht damit gerechnet hatte, schmuggelt er heimlich eine wundervolle Liebesgeschichte hinein. Denn die Frau auf dem Bild, Irene, taucht unvermittelt wieder im Leben des Ich-Erzählers auf, indem sie ihr Gemälde ausstellen lässt. Einzig zu dem Zweck, nach langer Abwesenheit doch noch einmal gefunden zu werden. Sie lässt die drei Männer in ihr Leben zurück, die sich von ihr betrogen fühlen. Auch sie fühlt sich – auf ihre eigene Art und Weise – von ihnen betrogen und eröffnet ihnen hier die Chance auf einen Neuanfan und wollte die Männer in ihrem Leben noch einmal sehen, um sich zu überzeugen, ob sie für sie mehr als die die Frau auf Bild ist. Doch nur der namenlose Ich-Erzähler geht noch einmal völlig neu auf sie zu. Für ihn ähnelt sie immer noch der Frau auf dem Bild und ist doch eine ganz andere Person.

Schlink beschreibt den Ich-Erzähler als einen Menschen, der sein Leben in geordneten und vielleicht auch vorgezeichneten Bahnen lebt. Er arbeitet sich als Anwalt in seiner Kanzlei hoch, ist verheiratet und hat Kinder. Irene steht in einem krassen Gegensatz zu diesem Entwurf, sie ist viel unruhiger und vor allen Dingen unvorhersehbarer. Man kann sich kaum vorstellen, was passiert wäre, wenn die beiden Protagonisten tatsächlich gemeinsam aus Frankfurt geflohen wären und irgendwo gemeinsam neu angefangen hätten und auch den beiden ergeht es so. Dennoch fügt sich bei diesem Wiedersehen alles zusammen, als hätte es genau so kommen müssen. Es ergibt sich mit einer solchen Natürlichkeit, als wäre einzig dieser Zeitpunkt der perfekte dafür. Und auch wenn beide wissen, dass ihre Zeit begrenzt ist, wagen sie einen neuen Anfang und den Beginn ihrer Liebesgeschichte.

Fazit: Eine Geschichte über die Liebe, das späte Glück sie zu finden und voll auszukosten. Schlink gelingt es meisterhaft, eine komplexe Handlung nach und nach aufzubauen, ohne dass die Geschichte ins Stocken gerät oder an Spannung verliert. Er spricht große und machtvolle Themen auf eine völlig unerwartete Art und Weise an, beantwortet große Fragen scheinbar mühelos nebenbei, ohne dabei jedoch sein Ziel aus den Augen zu verlieren. Ein Buch für alle, die leichte Lektüre suchen, die aber mehr als leichte Unterhaltung bietet.

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Bernhard Schlick – Die Frau auf der Treppe
Verlag: Diogenes
256 Seiten, Hardcover, 21,90 €
Leseprobe

Eure Maike

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4 Kommentare

  • Antworten Anna 29. Oktober 2014 um 14:18

    Vielen Dank für die spannende Rezension, Maike! Das Buch ähnelt ein bißchen „Das böse Mädchen“ von Vargas Llosa. Irgendwie geht durch Deine Rezension auch immer „die Treppe“, im Buch ist es, vielleicht, wichtig, weil einige der Trepp unten gehen, andere, in andere Richtung. Aber es gibt immer Bewegung. Und in dieser Bewegung sieht man sich selbst und sein eigenes Leben wie im Spiegel (so was ähnliches zum Bild von Velazquez).

  • Antworten Alesha Linwell 29. Oktober 2014 um 15:44

    Hi Maike,
    Die Frau auf der Treppe hat meine Mutter vor ein paar Wochen gelesen und war auch komplett begeistert. Danach und nach deiner Rezi werd ich mir das Buch auf jeden Fall mal ausleihen.
    Ich hab Samstag Das Wochenende von Bernhard Schlink gelesen und kann dir das Buch auch nur empfehlen, besonders wenn du dich für deutsche Geschichte interessierst, da es hier um einen RAF-Terroristen geht, der nach 20 Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen wird und seine alten Freunde wieder trifft.
    lg
    Alesha

    • Antworten Maike 30. Oktober 2014 um 06:29

      Hallo Alesha,
      das Buch setze ich direkt auf meine Wunschliste! Das Thema klingt auf jeden Fall spannend und ich mag eh die Art, wie Schlink sich der deutschen Geschichte nähert.
      Liebe Grüße, Maike

  • Antworten Buchiger Monatsrückblick : Januar | Herzpotenzial 13. März 2015 um 18:06

    […] Mein Monat verlief gemäßigt. Ich habe auch nicht so viel gelesen, wie ich gern hätte und zeitweise habe ich gar nicht zum Buch gegriffen. Abgesehen von dem “In Liebe verpackt” konnte mich aber kein Buch vollständig begeistern. Irgendwie tröpfelte jedes Buch nur so vor sich hin. Schade eigentlich. Rezensionen sind bereits zu folgenden Büchern erschienen: Tina Kraus – In Liebe verpackt Bernhard Schlink – Die Frau auf der Treppe […]

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