Banana Yoshimoto – Lebensgeister

Banana Yoshimotos großes Thema ist der Umgang und das Weiterleben nach dem Verlust eines geliebten Menschen. Dem bleibt sie auch in ihrem aktuellen Roman „Lebensgeister“ treu.

Sayoko und ihr Freund Yôichi sind nach dem Ausflug in ein heißes Quellenbad auf der Heimfahrt, als ein Auto von der Gegenfahrbahn abkommt und auf sie zurast. Yôichi kommt ums Leben, Sayoko wird schwer verletzt. Seit diesem Unfall ist sie nicht mehr sie selbst. Zwar kann sie ihre Trauer lindern, indem sie sich um Yôichis Kunstwerke in seinem Atelier in Kyoto kümmert. Doch sie lebt seitdem in einer merkwürdigen Zwischenwelt. Abends geht sie in eine Bar, um zu trinken. Barkeeper Shingaki, der sich zu ihr hingezogen fühlt, passt auf sie auf. Und plötzlich bemerkt sie, dass sie sehen kann, was andere nicht sehen: die Geister von Verstorbenen. Sie macht die Bekanntschaft von Ataru, der ebenfalls mit seiner Trauer beschäftigt ist. Und in der wunderschönen Tempelstadt Kyoto lernt sie allmählich, das Leben so zu akzeptieren, wie es ist: voller Ungewissheiten und Rätsel, dem Tod immer nahe, egal, ob man jung ist oder alt.

Sayoko und ihr Freund Yôichi haben einen schweren Autounfall. Während Yôichi sofort tot ist, überlebt Sayoko schwer verletzt. Sie wandelt in einer Scheinwelt und hat etwas, was ich als Nahtoderfahrung bezeichnen würde. Dort trifft sie nicht nur ihren geliebten Hund, der schon vor vielen Jahren gestorben ist – völlig überraschend taucht ihr Opa auf. Er ist gekleidet in seine Lederjacke, an die sie sich noch sehr gut erinnert, und holt sie mit seinem Motorrad ab. Von ihm erfährt sie von Yôichis Tod – er sei bereits über die Regenbogenbrücke gegangen – und dass ihre Zeit noch nicht gekommen sei. So fahren sie eine Weile mit dem Motorrad durch die Scheinwelt, bis Sayoko das Bewusstsein verliert und kurz darauf in ihrem Bett im Krankenhaus wieder aufwacht.

lebensgeisterNach und nach muss sie ihren Weg zurück ins Leben finden. Doch ohne Yôichi fällt ihr das schwer. Sie zieht wieder bei ihren Eltern ein und verbringt ihre Abende in einer Bar. Und zu ihrer großen Überraschung hat sie eine neue Fähigkeit – sie kann Tote sehen. Das gruselt sie nicht im geringsten, stellen die Geister doch keinerlei Bedrohung dar. Sie interagieren in keinster Weise mit den Lebenden, sondern verharren einfach an einem Ort. So lernt sie Ataru kennen, einen jungen Mann, der in einem verfallenen Haus wohnt. Sayoko sieht dort regelmäßig die Erscheinung einer Frau am immer gleichen Fenster, die sich als Atarus Mutter entpuppt. In genau dieses Zimmer zieht Sayoko und macht so den ersten Schritt in ihr neues Leben.

Es überrascht mich immer wieder, dass Yoshimoto neue Wege findet, um über die Verarbeitung ihres Verlusts zu sprechen. Sie lässt ihren Protagonisten den Raum, den sie brauchen, um ihre Geschichte zu erzählen und sich weiter zu entwickeln. Doch bei „Lebensgeister“ gab es eine Reihe von Elementen, die mir nicht gefielen. Der Text hatte eine gewisse Gefühligkeit, den ich von Yoshimoto nicht kannte. Normalerweise hält sie genug Abstand zu ihren Protagonisten und transportiert so die fast schon klischeehafte japanische Zurückhaltung. Doch genau das machte für mich einen Teil des Charmes ihrer Bücher aus. Sayoko hingegen spricht viel offener über ihre Erlebnisse und kommt vor allen Dingen immer wieder zur „Regenbogenbrücke“ zurück. Eine derartige Sentimentalität hat mich überrascht. Die Handlung ist sehr einfach gehalten, die Protagonistin erlebt vieles in sich selbst und denkt viel über Dinge nach, um sie erfassen und verarbeiten zu können. Sayoko scheint dadurch lange auf der Stelle zu treten und nicht ins Leben zurück zu finden. Und bei all meiner Liebe zu Yoshimoto, hier habe ich mich gelangweilt. Zu viele Elemente kamen mir aus anderen Büchern bekannt vor. Ich hoffe aber, dass sie sich die ganzen tollen Ideen, die ich so liebe, einfach für das nächste Buch aufhebt.

Fazit


Yoshimoto hat mich mit „Lebensgeister“ überrascht, wenn auch nicht nur positiv. Wie immer erzählt sie eine sanfte Geschichte, die beim Lesen beruhigt. Die Autorin bleibt ihrem Stil treu, dennoch fehlt mir als Kennerin anderer ihrer Bücher hier das gewisse Etwas.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz leerkleines Herz leer

Eure Maike


Banana Yoshimoto – Lebensgeister
Verlag: Diogenes
160 Seiten, Paperback, 15 €

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2 Kommentare

  • Antworten dj7o9 22. November 2016 um 08:32

    Hmmm ich liebe Banana Yoshimoto und habe bislang all ihre Bücher gelesen, aber vielleicht mache ich um dieses doch mal einen Bogen. Schon Amrita hat mich nur teilweise vom Hocker gehauen, aber auf jeden Fall die perfekte Begleitung wenn man durch Japan reist ;) Liebe Grüße …

  • Antworten Rezension | Banana Yoshimoto: Lebensgeister - El Tragalibros 27. Januar 2017 um 18:44

    […] zu „Lebensgeister“: The Read Pack | Herzpotenzial | […]

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