Anne von Canal – Der Grund

Der Grund von Anne von Canal hat vor etwa zwei Jahren wahre Begeisterungsstürme bei vielen ausgelöst. Ich weiß noch, dass es wohl das erste Mal war, dass ich den Mare Verlag bewusst als Verlag wahrnahm. Der Fokus des Verlags liegt neben ausgewählten Klassikern in Schmuckausgabe auf Romanen, die auf oder am Meer spielen. Das Meer als Symbol für Sehnsucht und Kraft taucht hier regelmäßig auf. Ozeane trennen Liebende, sie sind Urgewalten, die zerstören, aber auch Leben bringen können. Nun hat es wohl der Zufall so gewollt, dass ich diesen Roman selbst auf dem Meer – auf der eisigen und leider sehr stürmischen Ostsee – gelesen habe. Ein perfekter Moment also für einen Mare-Roman.

Der Roman beginnt mit dem Untergang der MS Estonia im Jahr 1994. Und dieses Ereignis steht zunächst in keiner direkten Verbindung mit dem haltlosen Leben des Schiffspianisten Laurits. Er zieht einige Jahre nach dem Schiffsunglück von einem halbherzigen Pianistenarragement zum nächsten, vollkommen entwurzelt und voller Verachtung für den Begriff der Heimat. Ihn hält nichts. Selbst seine schwangere Geliebte kann ihm kein Bedürfnis nach Rast geben – und sein einziger Gedanke ist: Flucht.

Dass der Fluchtreflex tief in seiner Kindheit verwurzelt ist zeigt sich in den folgenden Rückblenden. Wir folgen Laurits Simonsen  durch seine trübe, oft lieblose Kindheit. Ein überehrgeiziger und strenger Akademiker und eine durchgängig depressive und überforderte Mutter treiben ihn zu Höchstleistungen und schenken ihm zugleich keine Anerkennung. Für den Vater, einen der erfolgreichsten Ärzte Schwedens, ist eine musische Karriere seines Sohnes ein Schlag ins Gesicht. Zu konservativ, zu selbstbezogen sind dessen Ansichten. Die Mutter kann sich nur schwer und mit Heimlichkeiten gegen ihn durchsetzen.

Als Laurits trotz hoher Erwartungen die Aufnahme ins Musikkonservatorium nicht gelingt, drängt der Vater ihn triumphierend in ein Medizinstudium. Doch auch hier kann der Sohn nie die Erwartungen erfüllen. Ein steter Kampf um Anerkennung nimmt seinen Lauf. Erst in seiner eigenen Familie, in seiner selbstbewussten Frau Silja und seinem fröhlichen Tochter Liis findet Laurits einen Ruhepol und endlich so etwas wie Heimat.
Doch die Rückblenden nähern sich unbarmherzig der Gegenwart und stellen nicht nur Laurits, sondern auch den Leser auf eine harte Probe.

Fazit


Dieser Roman erzählt perfekt komponiert die Geschichte von Wurzellosigkeit und Sinnsuche, von Begabung und Berufung. In kraftvollen, erbarmungslos aufeinander zudrängenden Erzählsträngen treibt dieser außergewöhnliche Roman auf einen gewaltigen Schiffbruch zu. Dabei wird man als Leser manchmal an seine Grenzen gebracht. Keine leichte Lektüre.

Eure Mareike


Anne von Canal – Der Grund
Verlag: Mare
Gebunden, 272 Seiten, 20, – €

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4 Kommentare

  • Antworten Thomas Brasch 20. Februar 2017 um 20:03

    Hi Mareike, ich glaube, da ist in der Erinnerung etwas durcheinander geraten. Oben schreibst du von der Tochter, der der Vater keine musikalische Karriere zugestehen will. Welche Tochter meinst du da? Und unten schreibst Du, Laurits hätte einen fröhlichen Sohn. Es ist aber eine Tochter.

    Aber gleich wie, es ist ein herausragendes Buch, das ich auch immer gerne empfehle und schon ein paar mal verschenkt habe. Hier mein Resümee: https://thomasbrasch.wordpress.com/2014/12/04/das-leben-eine-unvollendete-symphonie/

    • Antworten Mareike 20. Februar 2017 um 20:22

      Lieber Thomas,
      das ist tatsächlich nur ein Fehler in der Nachbarbeitung. Ich wollte schnell unten aus dem Sohn eine Tochter machen und bin im Absatz verrutscht. Ist nun alles wieder richtig.
      Vielen Dank für den Hinweis.
      Mareike

  • Antworten Buchstabenträumerin 20. Februar 2017 um 20:03

    Liebe Mareike,
    ich habe selbst noch keinen Roman aus dem mare Verlag gelesen, finde die Ausgaben aber immer sehr schön. Außerdem ist es faszinierend, mit welcher Konsequenz sich ein Verlag einem bestimmten Thema, wie dem Meer, widmet. Großartig :) Diese Geschichte klingt nach Herausforderung, aber auch nach Lesegenuss. Ich merke es mir :)
    Liebe Grüße,
    Anna

  • Antworten Hauke 4. März 2017 um 12:01

    Für mich hatte „Der Grund“ eine enorme Sogkraft. Das Buch ist literarisch und wunderbar geschrieben.
    Liebe Grüße, Hauke

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