Anne Köhler – Ich bin gleich da

Der Dumont-Verlag hatte Mareike und mich ja zu einem tollen Event in Hamburg eingeladen. Bei leckerem Essen stellte Anne Köhler ihren neuen Roman „Ich bin gleich da“ vor. Nachdem wir euch bereits von dem Event berichtet hatten, folgt heute meine Rezension zum Buch.

[lightgrey_box]Für Elsa ist Kochen viel mehr als nur ihr Beruf oder die bloße Zubereitung einer Mahlzeit. Nur in der Küche gelingt es ihr, ihre Sorgen hinter sich zu lassen. Außerdem hat sich Elsa ein Ziel gesetzt, zumindest die grobe Richtung eines Ziels: Sie will nach Norden, ans Meer. Und damit möglichst weit weg von ihrer Familie in Süddeutschland.
Jahrelang hat Elsa nur für den Augenblick gelebt. Erst als ein neuer Mann in ihrem Leben auftaucht, beginnt sie, über ihre Zukunft nachzudenken. Als die Vergangenheit sie einholt, muss sie sich entscheiden: Flieht sie weiter oder stellt sie sich ihren Gefühlen?
Sensibel und berührend erzählt Anne Köhler in ihrem Debütroman von einer starken Frau, die ihren Weg sucht und findet. ›Ich bin gleich da‹ ist ein Roman über die Sehnsucht nach Familie und Geborgenheit – voller atmosphärischer Koch- und Küchenszenen.[/lightgrey_box]

Seit neun Jahren kocht Elsa sich durch verschiedene Restaurants vom Süden Ich bin gleich daDeutschlands nach Norden. Weg von ihrer Familie, immer weiter in Richtung Meer. Eine seltsame Sehnsucht treibt sie dort hin, ohne dass sie dieses Gefühl genau beschreiben könnte. Aber sie glaubt, diese Sehnsucht habe sie von ihrem Vater geerbt, der in der Nacht der Maifeier vor einigen Jahren verstarb. Die Schuldgefühle über seinen Tod trieben Elsa hinaus, auch wenn sie sich das nicht wirklich eingesteht. Denn die beiden waren in jener Nacht zusammen unterwegs, doch Elsa hat sich heimlich weggeschlichen. Wäre sie geblieben, hätte sie vielleicht etwas für ihren Vater tun können.
Als die Geschichte beginnt, ist Elsa bereits seit 9 Jahren unterwegs und war immer noch nicht am Meer. Stattdessen sitzt sie aktuell in einem XXL-Restaurant bei Hildesheim fest. Das XXL bezieht sich dabei nicht auf die Größe des Restaurants, sondern auf die Gerichte: alles so groß und günstig wie möglich. Doch als ihr gekündigt wird, packt sie die Gelegenheit am Schopf, setzt sich in einen Zug und fährt direkt an die See. Doch als sie dort steht und aufs Wasser starrt, hat sie keine erhoffte Offenbarung. Doch nachdem sie am Abend in einem Sterne-Restaurant gespeist hat, hat sie ein neues Ziel vor Augen.  Sie will auch in so einem Restaurant als Köchin arbeiten. Also bricht sie auf nach Hamburg, um dort Arbeit zu finden.

Anne Köhler hat ein Buch geschrieben, dass völlig ohne actionreiche Handlung oder unerwartete Wendungen auskommt. Trotzdem ist es ihr damit mühelos gelungen, mich beim Lesen bei der Stange zu halten. Ich habe zwar nicht mit Elsa mitfühlen können, aber ich wollte ihr doch immer weiter folgen.  Dabei ist sie ein sehr zwiegespaltener Charakter. Denn einerseits ist sie auf der Flucht vor ihrer eigenen Vergangenheit, andererseits hat sie auch Angst, an ihrem selbst gesetzten Ziel anzukommen. Denn welcher andere Mensch würde über 9 Jahre brauchen, um am Meer anzukommen, obwohl er ständig unterwegs ist. Elsa ist rastlos, findet nirgends wirklich ein Zuhause und ist immer in Bewegung. Ihr eigentliches Zuhause hat sie nicht mehr betreten, seit sie ausgezogen ist, um eine Ausbildung zur Köchin zu machen. Auch ihre Mutter und ihren Bruder hat sie seitdem nicht mehr gesehen. Auch hier werden Elsas Zerrissenheit und ihre Schuldgefühle deutlich. Denn sie schafft es nicht einmal, regelmäßig anzurufen, sondern sucht weltmeisterlich nach Ausreden. Dabei wird immer wieder deutlich, wie sehr sie sich nach einer Heimat sehnt.
Nach einigen Kapiteln hatte ich jedoch so meine Probleme mit Elsa. Ihre Handlungen kamen mir mehr als einmal unreflektiert und überstürzt vor. Vor allen Dingen wenn man bedenkt, dass sie bereits 24 Jahre alt ist und schon seit einiger Zeit auf eigenen Beinen steht. Außerdem fand ich ihre Unruhe ansteckend. Das ist natürlich einerseits ein Zeichen dafür, mit welcher Brillanz Anne Köhler die Worte setzt, aber ich wurde beim Lesen dadurch hektisch. Auch das hat mein Lesevergnügen immer wieder etwas geschmälert. Eigentlich schade, denn ansonsten gefiel mir das Buch wirklich gut.

Ein wichtiger Teil der Handlung sind die Koch-Szenen. Nicht die im XXL-Tempel, das würde sogar ich nicht als Kochen bezeichnen. Aber in den detailreichen Szenen in Hamburg wird deutlich, dass Anne Köhler hier sehr gut recherchiert hat. Es hat wirklich Spaß gemacht, sich so in eine Sterne-Küche versetzen zu lassen. Beim Lesen bekam ich jedes Mal Lust auf gutes Essen. 

Fazit


Anne Köhler ist eine sehr feinsinnige Erzählung gelungen. Es gelingt ihr, vermeintlich Alltägliches so zu verknüpfen, dass eine wundervolle Geschichte entsteht. Dabei kommt sie vollkommen ohne die klassischen unvorhergesehen Wendungen aus, ohne dass sich der Leser langweilt. Dennoch muss man bereit sein, sich auf die Charaktere einzulassen, dann steht einem schönen Leseerlebnis nichts im Weg.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz leer

Anne Köhler – Ich bin gleich da
Verlag: Dumont
352 Seiten, Hardcover, 19,99€

Eure Maike

Vorherige Beiträge Nächste Beiträge

Vielleicht gefällt dir auch

3 Kommentare

  • Antworten Presseschau “Ich bin gleich da” 31. März 2015 um 19:01

    […] Herzpotential (26.03.2015) […]

  • Antworten Buchiger Monatsrückblick für März | Herzpotenzial 1. April 2015 um 13:59

    […] Wochenenden in Hamburg und dafür habe ich sehr gerne meine Lesezeit geopfert. Die Rezension zu Ich bin gleich da ist bereits […]

  • Antworten Kerstin Scheuer (so many books - so little time) 13. April 2015 um 20:47

    Vielen Dank für die tolle Rezension. Ich habe das Buch am Freitag in meiner Goodie-Bag zum BookUp beim Börsenblatt in Frankfurt gefunden und freue mich schon auf die Lektüre.

    Alles Liebe.
    Kerstin

  • Kommentar verfassen

    %d Bloggern gefällt das: