Allard Schröder – Der Hydrograf

Ein Hydrograf ist ein Wasser- und Wellenforscher, jemand, der sich mit den Gezeiten und den verborgenen Strömungen beschäftigt und diese in Karten sichtbar macht. Er ist also ein Mensch, der größere Zusammenhänge erkennt und tiefer, unter die Oberfläche schaut. Vermutlich aber insgesamt ein eher unaufgeregter Beruf.

Dem jungen Franz von Karsch-Kurwitz erscheint er zumindest weitaus verlockender, als bei seiner Verlobten zu bleiben und die Vermählung zu planen. Er verlässt Hamburg auf einer Passage Richtung Valparaiso in Chile und widmet sich dem meist gleichmäßigen Auf und Ab der Wellen des Meeres. Seine Verlobte ist schnell vergessen. Spätestens als eine geheimnisvolle Tänzerin namens Asta Maris an Bord kommt, vernachlässigt er aber auch seine eh recht halbherzigen Forschungen zusehens. Alle männlichen Mitreisenden scheinen wie magnetisch angezogen zu werden von der stillen Schönheit, die sich nur selten aus ihrer Kabine an Deck begibt. Sie schenkt ihre Aufmerksamkeit alle paar Tage einem anderen der Herren. Spaziert und diskutiert mit dem älteren Lehrer auf dem Sonnendeck stundenlang, nur um nach einigen Tagen der Abwesenheit plötzlich in Franz ihren wichtigsten Verbündeten zu sehen.
Für den preußisch erzogenen, stets kühlen jungen Mann eine völlig neue Erfahrung, plötzlich von einer schönen, auffällig leidenschaftlichen Frau Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen. Er entdeckt Gefühle und neue Züge an sich selbst, die ihm bisher verborgen geblieben waren.

Nah an den Gedanken und Erfahrungen Franz‘ ausgerichtet, wird die Entwicklungsgeschichte eines recht steifen und manchmal etwas unbeholfenen jungen Mannes erzählt, der auf seiner Reise zum Mann reift und sich und seine kühl-preußischen Werte hinterfragt. Die Figur der Asta Maris bleibt dabei an vielen Stellen schemenhaft, eine Projektionsfläche für die unbeholfenen Gefühle des jungen Mannes. So ist es kein Wunder, dass auch der Erzählstil eher kühl, ja fast distanziert die Erfahrungswert des jungen Franz auslotet. In einem berichtenden Stil, der sich genauso liest, als wäre das Buch tatsächlich im Jahr der Handlung 1913 verfasst worden, bleiben doch viele Leerstellen.
Viele Passagen und Ereignisse bleiben rätselhaft und unter der Oberfläche verborgen. Man muss einen solchen sehr kühlen Stil wohl mögen, um mit diesem Buch vollständig glücklich zu werden.
Mir fehlte an vielen Stellen Wärme und auch die nachvollziehbare Motivation der Figuren, allen voran Franz!

Fazit


Rhythmisch und doch etwas eisig erzählt Allard Schröder in seinem Entwicklungsroman von der ersten richtigen Verliebtheit eines jungen Hydrografen und einer rätselhaften Schönheit, die von ihren eigenen düsteren Dämonen verfolgt wird. Wer gern etwas distanzierte Romane á la „Der Zauberberg“ liest, wird sicherlich auch mit diesem Buch glücklich. Mir plätscherte es zu sehr dahin.

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Eure Mareike


Allard Schröder – Der Hydrograf
Verlag: Mare
Gebunden, 208 Seiten, 20,00€

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