Alice Greenway – Schmale Pfade

Auf der Buchmesse in Frankfurt hatten wir ein spontanes Gespräch am Mare-Stand. Dabei ging es unter anderem um unsere Liebe zu Ernest Hemingways Büchern. Und die wundervolle Dame sagte: lest Alice Greenway! Freundlicherweise schrieb sie uns den Namen sogar auf. Nun ja, das Kärtchen geriet in Vergessenheit. Erst nachdem wir angefangen hatten, die Frühjahrsprogramme der Verlage durchzusehen, fiel es mir wieder ein. Zu diesem Zeitpunkt stand „Schmale Pfade“ bereits auf unserer gemeinsamen Vorfreudeliste. Sowas nennt man mal einen Volltreffer.

Der alte Jim Kennoway hat seine Frau verloren und mit ihr den Willen zu leben, nun wohnt er zurückgezogen auf einer Insel vor der Küste Maines. Der einst anerkannte Ornithologe hat inzwischen nur noch drei Dinge im Sinn: trinken, rauchen und vergessen. Doch mitten im Sommer taucht ein ungewöhnliches Mädchen bei ihm auf. Cadillac Baketi, eine junge Salomonerin, hoch aufgeschossen, schlau und erfrischend unverblümt, ist die Tochter von Tosca – gemeinsam mit ihm als Inselscout hatte Jim 1943 während des Pazifikkriegs japanische Schiffe ausgespäht. Jetzt, dreißig Jahre später, schickt ihm Tosca seine Tochter, denn sie soll sich an das Leben in Amerika gewöhnen, bevor sie im Herbst ihr Medizinstudium in Yale beginnt. Jim ist bedient, er kann keinen Besuch gebrauchen – und schon gar keinen, der Erinnerungen an den Krieg, seine Jugend und seine große Liebe heraufbeschwört. Möglicherweise aber ist Cadillac genau die Richtige, um ihm dabei zu helfen, seinen Frieden mit einem düsteren Kapitel einer Vergangenheit zu machen.

Alice Greenway hat eine Figur erschaffen, wie sie auch bei Hemingway auftauchen könnte – biestig, grummelig und schonungslos gegenüber seiner Umwelt. Aufgrund seines stetigen Genusses von Nikotin und Alkohol musste ihm ein Bein abgenommen werden. Seitdem kann er seiner Arbeit im American Museum of Natural History in New York Greenway_Schmale_Pfade_Mare_Covernicht mehr nachgehen. Dabei bestimmte diese jahrelang das Leben des angesehen Ornithologen, Vogelpräparators und Kurators. Und so wie sich ein Tier zum Sterben zurückzieht, besteht Jim darauf, sich in das einsame Sommerhaus seiner Familie zurück zu ziehen und sich dort einfach und allein zu Tode zu trinken. An und für sich läuft alles nach Plan  – niemand hinterfragt seinen Lebenswandel, er bekommt regelmäßig neue Flaschen Gin und das Nötigste an Essen – bis auf einmal Cadillac auftaucht. Die junge Salomonerin will in Yale ein Medizinstudium beginnen, verbringt aber vorher einen Monat bei Jim. Doch sie ist kein willkommener Gast, denn sie bringt zu viele Geister der Vergangenheit in das stille, einsame Haus auf Fox Island. Jim hat ihren Vater Tosca im Pazifikkrieg 1943 kennen gelernt. Der Junge diente dem amerikanischen Soldaten als Inselscout und half ihm japanische Schiffe zu erspähen. Außerdem brachte Jim ihm das Präparieren von Vögeln bei und prägte Tosca damit auf gänzlich unerwartete Art und Weise.

Doch es passierten noch mehr unerwartete Dinge, an die Jim sich jahrzehntelang nicht erinnern wollte. Doch Cadillac bringt alles wieder zurück. Greenway erzählt diese einzelnen Episoden in schneller Abfolge. Sie springt in der Zeit hin und her, neben der Gegenwart des Buches (1973) spielen auch die Jahre 1943 und 1917 eine wichtige Rolle für Jims Erinnerung. So fächert sich nach und nach die Lebensgeschichte dieses Mannes auf, der sich immer fragt: Habe ich die richtigen Entscheidungen getroffen? Wie wäre es gewesen, wenn ich einen anderen Pfad gewählt hätte? Der Hauptcharakter muss sich seinen Entscheidungen noch einmal stellen und die daraus entstandenen Resultate aushalten. Er kann es nicht mehr verändern, er kann es nur Revue passieren lassen und versuchen, seinen Frieden mit sich zu machen.

Schon lange habe ich kein so starkes Buch mehr gelesen. Die Sprache ist sehr dicht, die Autorin malt unerwartet starke Bilder mit leichten Worten. Beim Lesen war ich zwischendurch regelrecht erschöpft und hatte immer wieder das Gefühl nicht weiter zu kommen. Ich musste mir den Text regelrecht erarbeiten. Die Autorin schafft es, völlig ohne Belangloses auszukommen, jedes Wort ist wichtig. Sie driftet nie ab, sondern schreibt durchgehend fokussiert. Und schafft damit etwas, dass ich bei Hemingway immer sehr bewundere. Vielleicht hat sie nicht seine Leichtigkeit, aber beeindruckt bin ich dennoch.

Fazit

„Schmale Pfade“ ist ein Buch das wortgewaltig und mit ziemlicher Wucht beeindruckt. Es ist definitiv kein Buch, dass man nebenbei lesen kann. Doch wer sich die Zeit nimmt und sich auf die Geschichte von Jim Kennoway einlässt, der dürfte nicht enttäuscht werden.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz leer

Eure Maike


Alice Greenway – Schmale Pfade
Verlag: Mare
368 Seiten, Hardcover, 22,00 €

Vorherige Beiträge Nächste Beiträge

Vielleicht gefällt dir auch

5 Kommentare

  • Antworten Hauke 2. März 2016 um 17:49

    Ein tolles Buch – ein „Leseschatz“
    Liebe Grüße, Hauke

  • Antworten Nanni 2. März 2016 um 18:36

    Hey,

    ich wollte das Buch eh lesen … jetzt halt noch mehr.

    Liebe Grüße
    Nanni

    P.S.: Habe ich eigentlich schon was zu eurem neuen Blogdesign gesagt?? Ich glaube nicht … Sehr schön ist es geworden. Neu und frisch und trotzdem noch ganz viel Herzpotenzial :)

  • Antworten Ein Leben wie im Fluge. | Klappentexterin 6. März 2016 um 21:10

    […] Herzpotenzial […]

  • Antworten Alice Greenway: Schmale Pfade | We read Indie 21. März 2016 um 07:12

    […] Herzpotenzial […]

  • Antworten Alice Greenway: Schmale Pfade | Bücherwurmloch 19. Mai 2016 um 10:14

    […] die verblüfft. Und meine leichte Enttäuschung ist auf jeden Fall subjektiv: Die Klappentexterin, Herzpotenzial sowie Leseschatz fanden das Buch beispielsweise wunderbar. Ich dagegen bin immer noch verliebt in […]

  • Kommentar verfassen

    %d Bloggern gefällt das: