Ali Smith – Wem erzähle ich das?

Ein Buch, dass sich aus Vorlesungen entwickelt hat – klingt spannend. Mich hat es an meine eigene Studienzeit erinnert, in der vor allen Dingen die älteren Professoren von der Zeit erzählt haben, als ihre Assistenten in den ersten Reihen der Hörsäle saßen und jedes Wort ihrer „Chefs“ mitschrieben und diese Skripte als Bücher herausgebracht wurden.

Bei Ali Smith ist das etwas anders. Sie lebt zwar in Cambridge, ist aber keine Professorin. Nach ihrem Studium der Literaturwissenschaften arbeitete sie als Dozentin für Literatur, musste diesen Beruf jedoch aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Seitdem widmet sie sich hauptberuflich dem Schreiben eigener Werke und ist eine feste Größe unter den britischen Autorinnen und Autoren. In Deutschland erscheinen ihre Werke im Luchterhand Verlag und kreuzen daher regelmäßig unseren Weg.

Wenn Ali Smith die Regeln des Erzählens erklärt, entfalten sich Geschichten. Ihre Vorlesungen über Literatur sind eine Liebesgeschichte, wie sie noch keiner je gehört hat – eine Geschichte zweier Liebender ebenso wie die Geschichte der Liebe des Menschen zur Kunst und was sie für unser aller Leben bedeutet.

Die Regeln des Erzählens, nicht unbedingt ein massentaugliches Thema. Und dennoch wagt Smith das Experiment und rückt es in den Mittelpunkt ihres neuen Romans. Der Titel des Buches im Original – „Artful“ – beschreibt sehr gut, was Ali Smith in ihrem neuen Werk zu erklären versucht. Aus diesem eigentlich theoretischen Thema der Regeln des Erzählens webt sie einen Roman und bringt es so ihren Lesern auf eine kunstvolle Art und Weise näher. Es ist faszinierend, wie sie Fiktion und theoretische Vorlesung miteinander verknüpft. Ihre zwei Protagonistinnen fordern dem Leser dabei einiges ab, denn sie stehen in einem recht ungewöhnlichen Verhältnis zueinander. Denn die Ich-Erzählerin trauert um ihre verstorbene Geliebte, eine Kunst- und Literaturwissenschaftlerin, und ist überrascht, als diese über ein Jahr nach ihrem Tod plötzlich wieder vor ihr steht und ihr Leben dort weiterlebt, wo es abrupt geendet hatte. Sie sitzt wieder an ihrem Schreibtisch, geht ihre Notizen durch und liest in Büchern – höchst verwirrend. Die Ich-Erzählerin beginnt mit ihrer toten Geliebten zu sprechen und zu diskutieren – über Bücher, Gedichte, Kunst, kulturelle Entwicklungen – und verbindet so die Theorie mit der Fiktion. Sie analysieren gewissermaßen gemeinsam Zeit, Form, Ränder und Spiegelungen in Poesie, Literatur und Kunst und erarbeiten für und mit dem Leser grundlegende Aspekte dieser Themen. Zum Glück analysiert man nicht in den leeren Raum hinein, sondern anhand konkreter und recht bekannter Beispiele. Oliver Twist spielt hierbei eine wichtige Rolle (ausgerechnet Dickens!), aber auch Zitate anderer großer britischer Autoren und Autorinnen werden eingebaut. Mir gefiel besonders, dass im Mittelteil des Buches eine Auswahl von Bildern zusammen getragen wurde, die wichtige Aspekte des Erzählten illustrieren. Da findet sich zum Beispiel das Bild eines originalen Texts von Jane Austen oder eine Illustration zu Oliver Twist.

Fazit

Insgesamt hat mir dieses Buch einiges abverlangt. Manchmal vergesse ich, dass das Erschließen eines Textes harte Arbeit ist und nicht nebenbei funktioniert. Aber wenn man an Ende eines solchen Buches mehr weiß als vorher, dann ist das wie ein kleiner Triumph. Dennoch gebe ich zu, dass dieses Buch nicht für jeden Leser geeignet ist. Wenn ihr euch auf Ali Smith einlassen wollt, lest sicherheitshalber vorher in das Buch hinein.

Eure Maike


Ali Smith – Wem erzähle ich das?
Verlag: Luchterhand
224 Seiten, gebunden, 20 €

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